Deutsche Sprache.
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so zu sagen, aus einigen wenigen, ja vielleicht aus einem einzigen einheitlichen Sprach-stamme erwachsen und von zahlreichen gemeinsamen Wortstämmen durchzogen, so istdoch jeder vom andern wie eine andere botanische Art in seiner ganzen Tracht undin seinem Wüchse, in Blüten und Früchten, ja bis in das letzte Zweiglein und Blattund bis in die Fasern seiner Holzstructur ganz und gar verschieden. Jedes Wort,ja jeder Sprachton verräth uns den Franzosen, den Italiener, den Polen als Nicht-mitgenossen unseres Volkes; kaum ein oder das andere Wort durchzieht gleichlautendeine größere Anzahl von Sprachen. Und wie das Vaterland das eine, so ist unsereMuttersprache das andere ureigene Stück unseres Volksthums, das uns als Deutschezusammenbindet, dieses innerlichere fast noch mehr als jenes äußerlichere. Vom Vaterund von der Mutter nicht zufällig benannt, gehören sie beide unter sich und mit unszur Natureinheit zusammen, wie Vater und Mutter mit den Kindern. Die An-schauungen und Erfahrungen unserer Altvordercn aus Zeiten her, deren sich die Ge-schichte nicht mehr, selbst die Sage kaum noch entsinnt, die Eigenart unseres Volkes,die Ergebnisse unserer gesammtcn Vergangenheit, wie Waldluft und wie Geruch derVergangenheit wehen sie uns an aus unserer wonnesamen, trauten Muttersprache,aus ihren Wörtern und Sprachformen, ihren Redensarten, Sprüchen, Sagen undLiedern. Ein auf uns vererbter Schatz einer unermeßlich breiten und tiefen Zeit legtsich mit der Muttersprache in unser Herz, bildet sich von den ersten Worten her inunser Gemüth ein, macht uns an seinem Theile zu Genossen des deutschen Volkesund zu Mitbesitzern aller seiner geistigen Güter. Von den Gütern und Wissens-schätzen des elementaren Unterrichts sind die Religion, das Rechnen, die Naturkunde,die Geographie, das Zeichnen international, kosmopolitisch, allgemein; die Geschichtemit der Geographie wird mit Recht national behandelt; der Sprachunterricht ist ansich national, volksthümlich, das ist seine bezeichnende Eigenart, sein Vorzug, wiegleichzeitig seine Schranke. Und wie mannigfach bis ins Individuellste ist auch diesesvolksthümlich Gemeinsame wieder in sich verzweigt und vereigenthümlicht. Selbst diegemeinsame Muttersprache wird in jedem Gau wieder durch und durch anders geredet;an Redensarten und Sprachton unterscheiden wir die Herkunft, an Redensarten undSprachton, so sehr ist das gemeinsame Gut ins Individuellste differenzirt, unter-scheiden wir sogar, ohne ihn zu sehen, jeden einzelnen Menschen, den wir einiger-maßen kennen, Mann vom Weibe, Greis vom Kinde, Gebildete von Ungebildeten,den Militär vom Civilisten, ja am Klange eines einzigen Vocals unsere nächsten Ver-trauten von einander und von fremden Leuten.
Aber neben dieser mündlichen Erscheinungsform, die hörbar vom Munde zumOhre geht, hat die Sprache seit uralter Zeit noch eine zweite, die schriftliche, dieihren Weg von der Hand zum Auge nimmt. In grauer Vorzeit haben Unbekanntewargenommen, daß die überaus mannigfaltigen Worte der Lautsprache doch nur ausverhältnismäßig sehr wenigen (20—50) einfachen Lauten bestehen. So wurde derSchritt von der Bilderschrift zur phonetischen Hieroglyphe gemacht, die nur noch denAnlaut des durch das Bild dargestellten Wortes bezeichnet, und aus der unsere Buch-stabenschrift sich in ununterbrochener Reihe entwickelt hat. Untrennbar enge ver-schwisterte sich der Buchstabe mit dem Laute, eine Erfindung, deren Einfachheit ihrerunermeßlichen Bedeutung nicht nur keinen Eintrag thut, sondern ihr vielmehr ebenden höchsten Werth verleiht, und die, an sich auch fast ein Wunder, das wir wiederumnur nicht achten, weil es uns alltäglich ist, der gesammtcn Entwicklung der Mensch-heit und ihrer Sprachen einen gewaltigen Anstoß gab. Mit der sich verallgemeinerndenEinführung der L>chrift wird die vergängliche flüchtige Rede des Mundes für be-liebig lange Zeiträume sixirt und von der Gedankenwelt des Menschen die Schrankedes Raumes und der Zeit um ein gewaltiges Stück zurückgerückt. Zu den fernsten Zonenträgt das geschriebene Blatt mit Sicherheit unsere Gedanken, und die Gedanken undAufzeichnungen der bedeutendsten Männer alter Zeit liegen uns in Schrift und Druckso bequem bereit, wie das Wort des Nebensitzenden, das uns ins Ohr schallt. Undins Unendliche und Unübersehliche wächst damit der Gedanken- und Erfahrungsschatzder ganzen Menschheit. Wo früher nur Spruch und Lied, Sage, Märchen undRedensart von Mund zu Munde gieng, da liegen heute theils urkundlich original,
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