Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Deutsche Sprache.

begreiflich hohen Werken/' die heute noch soherrlich sind wie am ersten Tag/' zuden Wundern, die wir nur deshalb nicht so nennen, weil sie zu dem Selbstverständ-lichen und Alltäglichen gehören, das wir eben darum kaum je besonderer Beachtungwürdigen. Es ist ein Ausfluß jenes geheimnisvollen Naturtriebes, der selbst dieThiere drängt, alle Erregungen ihres inneren Seelenseins wie durch eine Art von Reflex-bewegung in Lauten auszudrücken, und der bei dem Menschen als eine Art em-bryonischer Wörter die sogenannten Jnterjectioncn erzeugt hat, daß wir jede Vor-stellung des Geistes und jedes seelische Gebilde überhaupt, sobald es sich zu einigerKlarheit herausgearbcitet hat, alsbald mit einem Lautgebilde untrennbar verknüpfen.Mit der Sache oder vielmehr mit der geistigen Vorstellung von derselben schließt vonvorn herein das Wort seinen unlösbaren Ehebund. Und mit einer unbegrenzten Frucht-barkeit und in unübersehbarer Verzweigung erwächst aus einer nicht zu beträchtlichenAnzahl von Wurzeln eine fast unzählbare Wörtermenge, völlig ausreichend, um inimmer fortgehender Entwicklung die ganze Welt, die sichtbare, wie die der Gedankenzu umranken und zu umfassen, alle Dinge, warnehmbare wie die Ergebnisse der Vor-stellung und der Abstraction, ihre Eigenschaften, sinnliche und unsinnliche, ihre Thätig-keiten und Zustände, wie ihre ganz abstracten gegenseitigen Bezüge und Verhältnissevöllig sicher und ohne Gefahr der Verwechslung zu benennen und zu bezeichnen. Und indiesem stattlichen, von keinem Sterblichen ganz beherrschten Wortmatcrial ist der weitausüberwiegende Theil (die Begrisfswörter) einer höchst mannigfachen inneren und äußerenUmformung und Biegung, einer immer neuen Verknüpfung fähig, das Ganze in seiner Bieg-samkeit und Bildsamkeit, in der unübersehbaren Menge seiner möglichen Kombinationen demAusdrucke jeder, auch der neuesten und fremdesten Sache, der Darstellung jedes, des nie-dersten wie des höchstfliegenden Gedankens, jeder Regung der Willenstriebe, jedes,des zartesten wie des überwallendsten, des menschlich tiefsten wie des heiligsten undhöchsten Gefühls vollkommen bequem, anschmiegend und gewachsen. Und dieser ganzeWunderbau, diese Darstellung des gesammten inneren Seelenseins in der Lautspracheist nicht bloß einerseits für uns selbst das unentbehrliche Mittel der Selbstvcrständigungund der Klärung aller geistigen Gebilde da wir bekanntermaßen ohne Worte nichtzu denken vermögen, sondern er ist andererseits das Mittel unserer Verständigung mitdenen, die uns angehören, mit unserer Familie, mit unserm Volke, ja mit den Menschenüberhaupt; er ist es, der den Menschen zum geselligen Wesen macht. Das Wort,das vom Munde zum Ohre geflügelt eilt, ist, so vergänglich es ist, eine alles be-dingende Macht. Von der Mutter Lippen schallt es, der erste Liebesbote, beim Ein-tritt in das Leben uns entgegen und weckt bald genug eigener Worte Widerhall. InRede und Gegenrede, in freundlicher Unterhaltung, in Befehl und Verbot, in Er-zählung und jeder Mittheilung, in Sage, Spruch und Lied umtönt es an jedem Ortejeden unserer Schritte bis zum letzten, den cs als Trostwort, Lied und Grabrede be-gleitet. Weder Alexanders Thaten, noch Kolumbus Gedanken, noch Jesu ChristiWerk und Lehre vermochten ohne das Wort zu Stand, Leben und Ausbreitung zugelangen. Ueberall, wo die Erfahrnng älterer Geschlechter jüngeren übermittelt wird,da ist das Wort im Mittel. Und mit einer unberechenbaren Gewalt bewegt dasWort, vom Munde zum Ohre schallend, die Welt und die Gemüther. Welche Wunderwirkt dieses wunderbare Organon! Schon daß, sobald das verschwisterte Wort er-schallt, jeder aufmerksame Hörer die zugehörige Vorstellung vollzieht, ist ein Wunder.Aber wie wirkt erst das Wort als Organon der bewegten Seele, die einer neuenErkenntnis ahnungsvoll und dann mit Gewißheit sich bemächtigt hat, oder die vonstürmenden Gefühlen im tiefsten Innern erregt oder zu thatkräftigem Wollen undStreben erhoben ist. Zwar ist auf ihrem Gebiete die Musik noch ungleich stärkerals das Wort, aber dieses Gebiet ist ein fest umschriebenes und beschränktes, das desWortes ist ohne Schranke. Was vermag ein Redner, wenn er in unbewußtemDrange oder mit bewußter Berechnung seine Register zieht, über seine Hörer, denener seine Gründe einleuchtend macht, deren Einwände er widerlegt, die er mit seinenGefühlen entzündet und zu von ihm gewollten Entschlüssen fortreißt. Und wiederumist dieser ganze Wunderbau nicht ein einziger für die ganze Welt und die Mensch-heit, sondern er ist so vielfältig bestimmt und gestimmt, als Völkerstämme das weiteErdenrund bewohnen, er ist national unterschieden. Sind auch alle diese Sprachbäume,