Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
253
Einzelbild herunterladen
 

Denkübungen.

253

keit der sprachlichen Darstellung der Gegenstand und das Mittel für das sichübende Denken. Dieser Rest des Sprachunterrichts ist unseres Erachtens für das,was Denkübung heißen darf, der allein berechtigte. Um hiefür den rechten Weg zufinden, hatte man nur auf die Art der Wirksamkeit zu sehen, in welche die Denk-thätigkeit den wirklichen Forderungen des Lebens zufolge sich einzulasscn hat, nichtaber auf die Tätigkeiten, wie sie die reflectirende Betrachtung vom Denken als unter-schiedene Momente oder Stufen auseinanderhält, nämlich als Begreifen, Urtheilen,Schließen re. Die Thätigkeit, in welcher zu üben, geht aber erfahrungsmäßig auseiner zwiefachen Lage hervor und diese ergicbt ebenso viele Hauptaufgaben. Hebtnämlich die Welt mit keinem Einzelnen wieder von neuem an, sondern ist jedem zuge-muthet, sich in Vorhandenes auf dem Gedankengebiete zu begeben, sich darein zu schickenund es sich für eignen Bedarf anzueignen: so wird auch dem Denken des Einzelnenzugemuthet, sich zu finden oder zu schicken in die Gedankenweisen oder Gedankenreihen,welche bereits von andern ausgebildet vorliegen. Solches Hineinfinden und Aneignenversteht sich nicht von selbst, es will gelernt sein: das wird die Uebung des Nach-denkens. Mit dem Erlernen und Neben solchen Nachdenkens an einer gedanken-mäßigen Darstellung, die als ein festes Wort gegeben vorliegt, wird die Sprache mitihren eben für das Denken ausgeprägten Grundformen nach Erscheinung und Gesetzerobert. Diejenige Sprache aber, welche durch diese Nebungen erobert wird, ist nichtdie Sprache des Geschwätzes im gemeinen Alltagsleben, sondern die Sprache derBildung, in welcher die Gedanken Gottes an uns gekommen und die Bildung derganzen Nation eingefasset ist, die Schriftsprache. Sie ist keine naturwüchsige, diesich auf der Straße erlernt, sie muß als eine halb fremde erlernt werden und istebendadurch Schulsprache und an ihrer rechten Erlernung lernen wir denken. Dereine ganze Theil des Unterrichts, welcher gegenwärtig Leseunterricht heißt und derseinem Wesen nach nur eben Sprachunterricht ist, kann nichts anderes sein oder werden,als Hülfsleistung bei dieser Uebung in solchem Nachdenken, d. h. im Erlangendes in der Darstellung niedergelegten Gedankens, und Anlaß zu der Kunstleistung,die gedankenmäßige Darstellung wieder in angemessener Weise zur Aussprache zubringen.

Der Zögling wird hiedurch in Formen und in Gedankengängen unterwiesen,welche geschichtlich bestehen und tatsächlich wirksam sind. Geschichtlich bestehendeGedankengänge, in denen der Schüler unterwiesen wird, sind alle classtsch gewordenenDarstellungen der erzählenden, beschreibenden oder irgendwie zusammen-fügenden Form in poetischer oder prosaischer Einkleidung. Durch eine genaue Ein-führung in derartige wohlgeordnete Gedankenverbindungen und Gedankenläufe wirddas Nachdenken des Anfängers geübt; und tatsächlich wirksam werden diese Dar-stellungen, insofern sie zu Mustern dienen. Auf Grund derselben haben sich be-stimmte wahlberechtigte Formen und Gesetze für das was eine Erzählung, Beschreibung rc.heißen darf, gebildet, welche der im Denken sich übende Schüler findet nnd die ernicht ohne Nachtheil unbeachtet lassen kann. Der Versuch mit ihnen bekannt undvertraut zu werden, übt das Denken; mit ihnen vertraut zu machen ist darum Auf-gabe des im Denken übenden Lehrers. Jedes elenientare Lesebuch muß passendenInhalt darbieten. Es kann hiernach dem Unterrichte an positivem Inhalte nichtfehlen. Aufgabe der pädagogischen Beurtheilung wird es nun, zu ermitteln,welcher Inhalt jeder Stufe gemäß in Behandlung zu ziehen ist.

In solchem Nachdenken treten alle Operationen der Denkthätigkeit in Wirkungund es stärken sich die also sich übenden Kräfte an formalem Bewältigen des inpädagogischer Hinsicht Angemessenen ganz von selber, ohne daß wir sie zerlegenund einzeln üben. Das Angemessene aber ist allemal ein Inhalt von Wissens-würdigkeit.

Aber am Nachdenken und Umsetzen des Fremden in Eigenes ists nicht genug,die Schüler mäßen auch zu eigenen Gedanken kommen, es gilt das Finden,Bilden, Erdenken von Gedanken und die gefundenen und gewonnenen in den sprach-lich richtigen und sachlich angemessenen Ausdruck versetzen, mündlich und schriftlich.Die ganze Ausführung dieser Seite des Denkübungsunterrichts wird bei Ueber-