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1 (1877) A - Liebe
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Classenlehrsystem und Fachlehrsystem.

weilens unter der leitenden persönlichen Einwirkung ein und der-selben Lehrerpersönlichkeit damit eben so deutlich bezeichnet, als wirksam ge-sichert. Hiemit war nun eine durch Einfachheit sich charaktcristrende und empfehlendeOrganisation für die Schule begründet, welche in ihren Formen und Zielen vonTrotzendorf, Neander, Sturm u. anderen immer strenger und weiter ausgebildet undfestgestellt worden ist und die sich in der Gestalt des Classensystems bis an unserJahrhundert heran als Grundform des deutschen, und vorzugsweise des evan-gelischen Schultypus erhalten hat, wie mannigfach auch seitdem die Modificationengewesen sind, die, nach Ort und Zeit verschieden, nach und nach hineingebracht wordensind und von denen weiter unten die Rede sein wird.

Ist das Classensystem die ursprüngliche und natürliche Form, welche die Schuleals öffentliche Veranstaltung zur Darbietung einer gemeinsamen Bildungfür alle annimmt: so wird das Fachsystem sich an einer Schulanstalt auszubildenversuchen, wo entweder der Neigung und Begehrlichkeit der Einzelnen überlassen bleibt, 'sich nach Auswahl ihre Bildung zu suchen, oder wo man in ausdrücklicher Vorsorgederselben entgegenkommt. In solche Schulen nur konnte das Fachsystem mit Erfolgeintreten, welche zu ihrem Besuch keine Verpflichtung für jeden aufzuweisen hatten,sondern deren Besuch vielmehr nur aus freier Selbstbestimmung erfolgen kann; diealso zur Vermittlung einer besonderen gelehrten oder technischen Bildung vorhandensind, deren Erwerbung aber immer Sache des Einzelnen bleiben muß. Nach denLehrgegenständen, nämlich nach den Sprachen, den Realien, der Mathematik muß indiesen Schulen jeder einzelne Schüler gemäß seinem Bildungsstandpuncte seine Stelleerhalten, z. B. etwa so, daß einer in beiden alten Sprachen oder nur in einer inPrima, in den neueren in Tertia, in der Mathematik in Secunda sich zugleich be-finden konnte. Eine Einrichtung, die dem Bedürfnisse des Einzelnen solchergestaltRechnung zu tragen beflissen ist, ist das Fachsystem der Schule.

Es wird von der geschichtlichen Wahrheit wenig abweichen, wenn bis auf wei-teres angenommen wird, daß das Fachsystem in Uebertragung des romanisirenden,akademischen Collegienwesens in die Schulen durch die pädagogisirenden Je-suiten, welche auf das Bildungswesen in den ihrer Einwirkung offenen Ländernehedem einen wichtigen Einfluß zu gewinnen verstanden, gekommen sei. Gewiß ist,daß die künstliche Organisationsweise, welche das Fachsystem nöthig macht, zuerst ingeschlossenen Erziehungshäusern, die im Unterschiede zu den öffentlich veranstaltetenSchulen errichtet wurden und in welchen die Unterrichtsertheilung angeblich eine zweck-mäßigere, d. h. dem Einzelbedürfnis unpäßlichere Gestalt erhalten sollte, in Anwendunggekommen ist. Hier war man wirklich in der Lage, dem Einzelbedürfnisse Ge-nüge zu thun, was bei den öffentlichen Erziehungsanstalten nur im allerseltenstenFalle vollständig angeht. Die öffentliche Schule wird das complicirte Fachsystem nie-mals vollständig in Vollzug setzen und in ungestörtem Gange auf die Dauer erhaltenkönnen.

Francke, der bei seinen Erziehungsbestrebungen den Ruf, welchen die Jesuiten inder Erziehungs- und Schuleinrichtungskunst zu seiner Zeit in gewißen Kreisen bereitszu erlangen gewußt hatten, nicht unbeachtet lassen durfte, mußte im Gegensätze zudem die damaligen öffentlichen Schulen beherrschenden Classensysteme günstig für dasden Schulkörper bei größerer Bewegung erhaltenden Fachsystem in den von ihm insLeben gerufenen Anstalten gestimmt sein. Die Philanthropen, denen es daraufankamihre Erziehungs- und Unterrichtsweisen der Neigung und oft dem Scheinbe-dürfnisse des Einzelnen zuvorkommend mit angeblicher Naturmäßigkeit anzupassen,bezeigten sich in ihren Anstalten als ganz befonders ausgesprochene Pfleger des Fach-systcms. Von den Privatunterrichtsanstalten solcher ganz eigenen Formationen herwußte sich das Fachsystem auch den größeren öffentlichen Schulorganismen zu empfehlen,je mehr leider der Gedanke auch bei diesen Eingang fand, daß in denselben ein jeg-licher Einzelne nur das Seine suchen dürfe, nicht aber in solidarischer Weise eineBildung für das Ganze im Auge zu behalten habe. Gegenwärtig jedoch ist das Fach-system in öffentlichen Schulanstalten, außer in einigen Lchrgegenständen, wie Singenund Zeichnen, nicht weiter im Gebrauch, und wohl selbst durch öffentliche Verord-nungen in Abgang gebracht.