Charakter.
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muß etwas bedeutendes, eine Sache von wirklichem Werth sein, worauf dasselbe geht.Daß jemand allerlei Eigenheiten an sich hat, macht ihn noch nicht zum Charakter,wenn ihnen keine tiefere Bedeutung innewohnt; wessen Dichten und Trachten im Ge-meinen, Alltäglichen, in Essen und Trinken, in fader Couversation sich befriedigt, demkann trotz der Consequenz, die er befolgt, ein Charakter nicht füglich zugeschriebenwerden. Darum hat Rothe ganz Recht, wenn er Charakter und „Ge-bildetheit" in engste Beziehung setzt; das Individuum muß aus dem Naturzustandirgendwie schon herausgehoben, muß cultivirt sein, wenn es Charakter haben soll;wie umgekehrt auch, wer gebildet sein will, Charakter haben muß.
Als die Macht nun, die diese Cultivirung mit der Natur vornimmt, erkennenwir die Gnade, die auf Grund der Erlösung ihr Werk im Menschen vollbringt. Weilaber die Gnade die Natur nicht zerstört, sondern rein und frei macht, so können wirsagen: es muß zu einer Einheit der beiden, einander zuerst entgegengesetzten Principien,Natur und Gnade, kommen, und diese Einheit ist auf dem Gebiete des sittlichenLebens der Charakter; er ist Natur in höherer Potenz; die Gnade erscheint imCharakter als Charisma mitgesetzt. Was aber zur Erreichung dieser höheren Potenznun die Erziehung zu thun habe und vermöge, das ist im weiteren zu erörtern.
Wäre der Charakter etwas, das der Erzieher für seinen Zögling auswählenkönnte, um es ihm dann anzueignen, so wären die Mittel sehr einfach: constante Ge-wöhnung und dazu das Einprägen der entsprechenden Grundsätze. Solch ein ge-fügiges Material für den pädagogischen Künstler ist aber die Kindesseele nicht — nurein Schalk hat einst für die Schullehrer den Titel „Menschenbildhauer" beantragt —;und wäre je eine Seele von solchem Stoffe, so würde gerade aus ihr kein Charakter.Es wird vor allem darauf geachtet werden müßen, was sich als erste Ansätze einesfreien, festen, constantcn Wollens, überhaupt einer bestimmten ethischen Richtung imKinde selbst offenbart. Schon dies ist aber eine Sache, die große Umsicht fordert.Eitle, bornirte Eltern sehen solches als Charakterzüge an und finden es interessant,verlangen auch von Hofmeister und Gouvernante eine ganz specielle Pflege für das,was jeder Vernünftige einfach als ordinäre Kinder-Unarten erkennt. Wäre aber, wasan dem Kinde als eigener Zug zu beobachten ist, auch wirklich etwas löbliches undliebenswürdiges, so ist es meist noch so ohne festen Kern, noch so fließend, daß aufdieses Wellenspiel noch nichts zu bauen ist; man kann sich wenigstens noch gar nichtdarauf verlassen, daß sich daraus von selbst ein Charakter bilde. Folgende Regelnwerden daher die pädagogisch richtigen sein.
1. Findet sich im Kinde noch gar nichts festes und stetes in Neigung und Ab-neigung, so ist darauf hinzuwirken, daß nicht gerade diese Flüchtigkeit sich fcstsetze; csmuß angehalten werden, bei etwas zu bleiben, das einmal Begehrte und Gewährteauch festzuhalten, in Freundschaft und Umgang, im Urtheil über Menschen und Sachenconstant zu sein. Man muß sein Gedächtnis für das, was es gestern gewollt undgeredet, und das Gefühl der Unwürdigkeit jenes zerfahrenen, ungleichen Wesens inihm wecken. Ist aber jene Ungleichheit nur die Folge davon, daß das Kind durchausabhängig ist von fremder Einwirkung, so daß, wenn diese sich stets gleich bliebe, auchdes Kindes Wollen und Meinen ein gleichmäßiges würde, so wird sich daraus zwarschwerlich je ein Charakter bilden lassen; solch ein Individuum wird immer unselb-ständig bleiben; aber am Ende kann doch die lange Gewöhnung den Charakter er-setzen; solch ein lenksamer Mensch ist dann zuletzt, ob er gleich kein Charakter genanntwerden kann, doch auch nicht charakterlos; und sittlich betrachtet ist die Tugend alsAngewöhnung immer besser als die Selbständigkeit des Bösewichts.
2. Findet sich im Kinde bereits Constantes, das aber verwerflich ist, so hat ein-fach die Zucht solche Conseguenz zu brechen; dieselbe wird es darauf absehcn, daß derjunge Mensch das Böse, wozu er wohl stark versucht ist, verabscheuen lernt und sogerade diese Scheu vor einer Sünde, zu der er sich versucht weiß, zum Charakterzugbei ihm wird.
3. Leicht zeigen sich aber auch solche Züge, die, sorgfältig in Acht genommen, zuTugenden, bei falscher Behandlung zu Fehlern werden. L>o kann ein zurückhaltendesWesen, wenn dem Kinde stets mit Zutrauen erweckender Liebe begegnet wird, dahingeführt werden, daß es sich im Jüngling, im Manne nur noch als Besonnenheit,