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1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Charakter.

Charakter kann, wer ihn einmal kennt, im voraus schon sagen, wie er in einem ge-wißen Falle handeln wird, es ist sein Handeln somit gewißermaßen prädestinirt; unddoch handelt er so nur, weil er so handeln will, weil er sich selbst dazu prädestinirthat und frei dieser innern Nothwendigkeit folgt. Grenzen wir hiernach den sittlichenCharakter bestimmter ab, so steht er zuerst derjenigen Art von Sittlichkeit gegenüber,die durchaus kein solch persönliches, eigcnthümlichcs Gepräge an sich trägt daswäre die philisterhafte Tugendhaftigkeit, die keinen innerlich starken Zug, keine innerlichmächtige sittliche Neigung in sich hat und bloß, weil das Gute einmal geboten ist, esauch erfüllen will. Solcher Rechtschaffenheit wird der frische Lebenshauch fehlen, einekühne That, ein kräftiges Wort wird man nicht von ihr hören; eine immer ehrcn-wcrthe Menschenrasse, zumal im Vergleich mit aller unsittlichen Genialität. Ta derCharakter ferner in sich selbst eine Einheit darstellt, so bildet er auch einen Gegensatzzu demjenigen sittlichen Imditus, da man wohl einzelnes Gute nebeneinander besitztoder nacheinander ausübt, aber es fehlt an einem zusammcnhaltenden Bande: das istdie Unzuverläßigkeit, deren Steigerung die Charakterlosigkeit ist. Nach einer ganzandern Seite aber muß der sittliche Charakter bei aller ihm wesentlichen Selbständigkeitzugleich die Fähigkeit besitzen, andere Charaktere, sobald sie nur die innerste Basis derGesinnung mit ihm gemein haben, nicht nur nicht abzustoßen, sondern in ihnen eineErgänzung seiner selbst anzucrkennen. Ein Charakter, der bei vielleicht sehr proncn-cirter Christlichkeit jenen sauren, abstoßenden Beigeschmack hat, ist schlechthin kein »christlicher Charakter mehr; Christcnthum und Frömmigkeit sind in ihm vom Eigen- jwillen, vom Egoismus in Beschlag genommen (vergl. 1 Kor. 12, 1427. Röm. 14, 4.

Crl. 3, 14). Tamit löst sich auch der scheinbare Conslict zwischen Charakter und ^

Gewissen. So weit das Gewissen äs jure und äs facto seine Stellung über dem ;

Charakter, gleichsam als sittliches Obertribunal einnimmt, thut dieser ihm eben durchjene Willigkeit Genüge, womit er fremde Tugend ehrt und von ihr zu lernen bemüht ;

ist; aber er kann dies doch nur so thun, daß er nicht sein Eigenes, den freien Besitz )

sittlicher Kraft und Fertigkeit daran giebt, um der Nachtreter eines andern zu sein, .

sondern immer so, daß auch das Fremde sich dem Seinigcn assimilirt, daß er, !

was er von jenem gelernt, weil sein Gewissen es ihn geheißen, doch nur auf seineWeise thut. t

Für die sittliche Taxation des Charakters mag das Gesagte genügen; zur päda-gogischen Lehre von der Bildung des Charakters müßen wir uns jetzt den Weg da-durch bahnen, daß wir die Elemente untersuchen, aus denen er überhaupt wird. Tiechristliche Lehre unterscheidet im Menschen, um es kurz zu sagen, Natur und Gnade;der Charakter aber hat seine letzte Wurzel nicht in der Gnade, sondern in der Natur,

dies Wort in dem vollen Sinn verstanden, in welchem es auch die leiblicheOrganisation involvirt. Tarin gleicht der Charakter dem Temperament, was eigentlichnur ein mehr die Oberfläche treffender psychologischer Ausdruck für dasselbe Objectist, das wir ethisch und tiefer gefaßt Charakter nennen. Sofort muß wohl die GnadeSieger werden über die Natur (s. d. A. Erbsünde), weil letztere der Sitz des Wider- I

göttlichen geworden ist. Aber sie geht nicht darauf aus, die Natur zu vernichten !(das anzunehmen, ist der Jrrthum des Manichäismus), sondern sie will diese, dievon Gott geschaffen und gut ist, nur regenerircn und verklären; das, was sie weg-schafft, ist nur die Sünde und diese ist in Wahrheit das dem Menschen von Hausaus Unnatürliche, Fremde. Jenes Natürliche aber ist in jedem Menschen anders be-stimmt, als in allen andern; es ist die unerschöpfliche Gestaltungskraft der Natur,die jedem Individuum, wie seine eigene Physiognomie, so auch seine geistige Consti-tution in die Welt mitgiebt. Noch che es sich dessen bewußt wird, liegen Neigungenund Abneigungen in ihm, die in analogen Fällen immer als dieselben ans Lichttreten und damit schon eine bestimmte Richtung andeuten, die die Willensregungennehmen werden. Tics ist das Elcmentarische im Charakter; aber Charakter selbstist dies noch nicht. Erstlich muß dazu noch kommen, daß, was so unwillkürlich alsvorhandene Disposition sich kund giebt, nicht etwas unwillkürliches, unbewußtes bleibt,sondern daß der seiner selbst bewußte Wille es in seine Hand nimmt, es zu etwasklar gewolltem, auf bewußte Motive sich stützendem erhebt. Zweitens aber ist esauch nicht gleichgültig, welcher Art das Object des natürlichen Begehrens ist. Es