Aufklärung.
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Dichtkunst ebenso selbständig einhcrgiengcn und der Glaube der Volker an die göttlicheWeihe, die aus den Thronen ruhe, durch deren Inhaber selber, wie durch ausländischeTheorien erschüttert war: da lag eS im natürlichen Gang der Tinge, daß sich Schrittfür Schritt ein absolutes Mi st rauen wider alles Bestehende entwickelte, undweil alles in Frage stand, kein anderes Kriterium mehr übrig blieb, als das eigeneDenken, und zwar nicht ein tiefes, speculatives Denken, sondern die platte Reflexion,wie sie jedem uä oeulos vordemcnstrirt werden kann. Damit glaubte man rechtpopulär zu sein, weil nichts mehr übrig blieb, was nur ein Thcil der Menschen wißenkonnte, was nicht jedem durch seine sünf Sinne und seinen bon sons vollkommen undaugenblicklich zugänglich war; man täuschte sich aber darin vollständig; denn geradedas Volk liebt das Concrete, in fester Gestaltung Vorstellbare, das Althergebrachte,das Geschichtliche oder in geschichtliche Form sich Kleidende, das Poesiereiche; dieSage, die z. B. die Gestaltung eines Berges von irgend einer Begebenheit, einerHandlung hcrdatirt, ist dem Volksgeiste viel mehr von Werth und Interesse, alsdie Geologie, die in ihren Naturprocesscn keinen Platz für das Eingreifen einesWillens hat. Darauf rechneten freilich die Aufklärer nicht; solcher Volksgeist selber,weil er nicht greifbar ist, war ihnen ebenso ein Unding wie der heilige Geist; mitihren die Welt überfluthenden Scripturcn, mit ihren aufklärendcn Predigten, mit ihrenBündnissen und Orden (z. B. dem Jlluminatcn-Orden), mit ihren großen Lehrinsti-tuten (s. den Art. Philanthropismus) glaubten sie über alles Meister zu werden, wasals Nebel noch in der öffentlichen Meinung vorhanden war, was sich nicht voll-ständig, ohne alles Residuum, in jenem Vcrdünnungsprozcß auflösen und durchsichtigmachen ließ.
So konnte die Aufklärung, ob sie gleich den bestehenden Zuständen in Kirche,Staat und Volk gegenüber eine geschichtliche Berechtigung hatte, doch nur zerstörenund nicht ausbauen, also Wohl schaden, aber nicht wahrhaft nützen. Tenn geradeweil sie in ihrer Rechnung alles rein aufgehcn ließ, und was nicht aufgicng, kurzwegfür nicht existirend erklärte, traf sie das wirklich existirende Residuum, das Ucber-menschliche, was ins Menschliche hereingreift, nicht; sie schloß die Augen davor undmeinte nun Heller zu sehen; im menschlichen Geiste ist aber eben ein Erkennen, min-destens ein Ahnen jenes Uebcrmenschlichcn, und wenn dem nicht Genüge gethan wirdauf die rechte Weise, so sucht cs sich Befriedigung auf Schleichwegen. Darum wirdeine Aufklärung von der genannten Art ihr Gegentheil so wenig bannen, daß geradesie es vielmehr provocirt; je mehr Frivolität, um so mehr Superstition — trifftsich doch beides oft in einem und demselben Individuum!
Stellen wir nun die praktische Frage: hat der christliche Erzieher etwas fürAufklärung zu thun? — Aufklärung ist Bildung in einer gcwißcn Richtung; wennnun Bildung nothwcndig ist, so ist es auch Aufklärung. Warum doch konnte sie alsGegensatz zu ächtcr Bildung auftretcn? Ter Widerspruch löst sich einzig durch dieUnterscheidung: Jeder Mensch soll aufgeklärt werden, aber nicht alle Dingesollen und können aufgeklärt werden. Wer das erste leugnet, ist ein Obscurant; weraber das zweite behauptet, das wir leugnen, ist ein Aufklärer (im schlimmen Sinnedes Wortes). Unter den ersten Satz fällt alles, was den Horizont des Geistes undGewissens (des Geistes nach seiner intellcctuellcn und ethischen Seite) verengt. Alsowenn das Natürliche auf unnatürliche (wohlgemcrkt, wir sagen nicht: übernatürliche,sondern unnatürliche) Ursachen zurückgeführt wird (wie dies der Hcxcnglaube thut);wenn so entweder die vernünftige Vorkehr gegen zeitliche Uebel unterlaßen oder derThörichte zur Beute des schlauen Betrügers wird; wenn die frische Thatkraft, derfreie Muth gelähmt wird durch alberne Furcht vor Gewalten, die entweder nichtcxistiren oder, in wie weit sie cxistiren, unter der Macht Gottes stehen; wenn alsogerade das ächt christliche Vertrauen auf Gott gebrochen wird durch heidnisches Ein-schieben anderer Mächte zwischen ihn und den Menschen: dann liegt ein Fall vor,wo gelüftet werden muß; derlei Dinge sind dicke Dünste, in denen ein vernünftigerMensch nicht athmcn kann, in denen ein Christ nicht athmen soll, in denen manein christliches Volk nicht verdumpfen lassen darf. Hier ist das Zurückgehcn aufvernünftiges, aber christlich bestimmtes Denken und die Gewöhnung an selbständigesNachdenken, ob etwas möglich oder nicht möglich sei, ob es Realität habe oder nur