Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
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Auctorität.

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nach dem Gewordenen bildet, das im Fluß Befindliche sich an dem Festen gestaltetund darum Festigkeit, Auctorität der Regel, des Gesetzes, des Lehrers unbedingte Noth-wendigkcit ist, wenn der Fluß des kindlichen Gcmüthslcbcns in einen Guß, zu Ge-staltung und zuverläßigem Wesen gelangen soll.

Allerdings aber ist es ein Verdienst Rousseau's, das Bewußtsein darüber geweckt zuhaben, daß die Auctorität ihren Zweck nicht in sich selbst hat. Gleichwie der in RegelnGeübte später zur Einsicht in die Regeln selbst und somit wirklich in daö Miterfindcnder Wissenschaft muß gelangen können, so muß auch die Auctorität des Erziehersüber sich selbst hinauszuführen die Anlage haben, es muß dasjenige, was er sagt undwill, im Stande sein, dem Zögling als in sich selbst wahr und gut sich zu erweisen.Wir glauben nun fort nicht um deiner Rede willen; wir haben selbst gehört underkannt" (Joh. 4, 42), darauf ist hinzuarbeiten. Daher das gewaltthätige undplumpe Pochen auf Ansehen und Gehorsam in.der häuslichen Erziehung wie in derSchule nur die Auctorität zerstört, wie auch im Staate die obrigkeitliche Auctoritätgleichermaßen durch Misbrauch wie durch Nichtgebrauch sich selbst im Wege ist. Mankann durch den Misbrauch wohl Devotion erzwingen, aber keinen Gehorsam, unddie gewaltthätig gespannte Feder schnellt nach dem Aufhörcn des Drucks mit destoroherer Kraft empor. Indessen bei uns in Deutschland ist die Gefahr nach dieserSeite hin nicht die größere, eher die nach der entgegengesetzten, daß mau sich nämlichscheut, mit der Auctorität im Erziehen und Regieren Ernst zu machen, und nur fastwie mit einem bösen Gewissen der anvertrauten Gewalt sich bedient. Aber es mußdie Jugend fühlen lernen, daß es eine Macht giebt, an der sich endlich ihr Willebricht, es mag ihr gefallen oder nicht, und es ist nicht richtig, die Gewalt als inunverträglichem Gegensatz zu Vernunft und Liebe stehend anzuschen; vielmehr wirddie Anwendung von Gewalt zum Vernunftgebot und zur Liebespflicht überall, wo esgilt, dem bösen Willen, der keine Vernunft annehmen mag, entschieden zu wehren,und nur desjenigen Gebrauchs von der Gewalt, welcher aus Mangel an Liebe undaus Unvernunft hervorgeht, hat man sich zu schämen. Entschieden falsch ist wenigstensdie Annahme, daß durch möglichstes Gewährenlasscn der natürlichen Individualitätenkräftige Persönlichkeiten entstehen; solches geschieht nur in außerordentlichen Fällen,während in der Regel bei dieser Erzichungsmaxime die sittliche Kraft aus Mangelan Gegendruck nicht zur Spannung gelangt, das innere Leben etwa frühe Blüthentreibt, die aber wenig Frucht ansctzen. Aus den ungezogenen, meisterlos ausgewach-senen jungen Leuten pflegen anspruchsreiche aber willensarme Menschen zu werden,deren die Gesellschaft zu ihrem Schaden voll ist. Erfahrung lehrt, wie oft und vielunter dem Joch einer rauheren Zucht ein recht tüchtiges Leben sich vorbereitet undschlichte Väter durch die Entschiedenheit ihres Willens glücklicher erziehen, als hoch-gebildete bei mangelnder Energie. Denn in der Kindesnatur das mit ihr verbundeneBöse nicht aufkommcn lassen, wirkt indirect für das Aufkommen des Guten, währenddirccte Wachsthumsbegünstigung des Guten ohne directe Bekämpfung dessen, wasnicht mitwachsen soll, fehlschlägt. Der Zögling hat selbst das starke Gefühl, daß erfür die Entwicklung und für den Schutz seines besseren Ich der Leitung durch eineAuctorität bedarf; daher ihm denn auch der Erzieher nicht als ein Fremder gegenüber-steht, sondern ein gewißermaßcn freundschaftliches Verhalten beider zu einander ob-waltet, welches mit dem Alter des Zöglings wächst und woraus später die schönenBeziehungen entstehen, da väterliche Freude einerseits mit brüderlicher Zuneigung undFreundschaft andererseits von der wohlgclcitetcn Erziehung Zeugnis ablegcn.

Aus dem Bisherigen ergiebt sich von selbst, worauf Auctorität sich gründet, wasihre Lebensbedingungen sind. Sie ist, wie wir gesehen haben, göttlicher Ordnung,das müßen ihre Träger wissen und mit Wort und That bekennen; sie sind Lehens-träger der höchsten Auctorität. Dadurch steht der Erzieher inmitten der Untergebenennicht als der den eigenen Willen Durchsetzende, sondern als der im Auftrag dessen,dem beide unterthan sind, die Oberen wie die Unteren, Befehlende, also frei von demSchein des Egoismus und der Willkür, welche dem Respect im Weg stehen, denUngehorsam herausfordern, und dasjenige selbst zuerst leistend, wozu er andere an-tresbt. Aus eigener Machtvollkommenheit Herr sein wollen, heißt die Herrschaft imKeime verderben und schwächen, der Auflehnung die Handhabe geben. Ein Erzieher?