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1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Auctorität.

cintreten, dessen Erhaltung vielmehr sie dem jetzigen und dem kommenden Geschlechtsschuldig sind.

In abgeleiteter Weise kommt Auctorität dem von Menschen Hcrvorgebrachtenzu: in der bürgerlichen Gesellschaft den Gesetzen, in der gelehrten Welt den Schriftenanerkannter Fachmänner. Auch kann jene als eine rein persönliche zur Geltung ge-langen: in dem Gewicht eines rechtschaffenen und verständigen Mannes, das er sich,abgesehen von der objectiven Auctorität einer amtlichen Stellung, durch seine Eigen-schaften erwirbt. Wie stark man übrigens das göttliche Recht der Inhaber desobrigkeitlichen Ansehens in der Gesellschaft betonen muß, so giebt es doch in der Thalohne den Hinzutritt der subjectiven Qualification keine lebendige und wirksame objectiveAuctorität; vielmehr hat letztere durch die Persönlichkeit ihrer Träger sich zu bethä-tigen; um Ehrerbietung anzusprechen, muß man ehrenwerth sein, und das vierte Ge-bot giebt stillschweigend ebenso den Eltern, Lehrern, Obrigkeiten ihre Pflichten an,wie lautredend den Kindern und Unterthanen.

Vergegenwärtigen wir uns, wie Auctorität wirkt, so finden wir dieses Doppelte,daß sie ein beugendes und ein ziehendes Moment hat; in beiden zusammen liegt ihrpädagogischer Werth. So ist es im Staatsleben, da die Regierenden die Staatsidcezu realisiren haben durch Repression des Schädlichen Unordnung und Unbotmäßig-keit und durch Weckung und Förderung der guten Elemente, was ohne eigene Liebeund Begeisterung und ohne vorbildlichen Patriotismus nicht möglich ist. So ist esin Haus und Schule. Denn vor dem Uebergewicht des Erziehers hat sich das Ge-müth des Zöglings zu beugen, und an seinem Vorbild sich hinaufzuranken. Durchdiese beiden Momente der Erziehung, Beugen und Ziehen, wird die Gemüthskraft desZöglings zusammengehalten, in die Thätigkeit der Entwicklung gebracht, und dadurchder Macht der sündhaften Natur gewehrt, das Böse niedergehalten, das Besserehervorgelockt und angetrieben. An der Auctorität des Erziehers und Lehrers liegtdaher ein gut Theil des Erfolges, welchen Unterricht und Erziehung beabsichtigenund es ist derselben ein hoher pädagogischer Werth zuzuschreiben.

Dieser pädagogische Werth der Auctorität ist jedoch keineswegs ein unbestrittener.Man erhebt gegen ihn den Einwurf, die Auctorität schade der selbständigen Aneig-nung im Lernen, wie überhaupt der Entwicklung der Eigenthümlichkeit, wirke alsoder Persönlichkeit feindselig und bringe den Menschen in die Gefahr einer unwür-digen Geistesabhängigkeit von andern. Rousseau hat diese Besorgnisse zuerst indie Doctrin eingeführt und im schärfsten Gegensatz gegen die frühere Auctoritäts-pädagogik die Theorie der Selbständigkeit aufgestellt.Der Zögling wisse nichts, weilihr es ihm gesagt, sondern weil er es begriffen hat, er lerne die Wissenschaft nicht,er erfinde sie. Wenn ihr ihm je eine Auctorität statt der Gründe gebt, so wird ernicht mehr selbst denken, sondern das Spielwerk fremder Meinungen sein." Manmuß sich Vorhalten, welchen Bankrott das alte Auctoritätsprincip damals und injenem Lande, für welches Rousseau schrieb, zur Zeit Louis XV. gemacht hatte, umseine Worte für möglich zu halten und den Eindruck seiner Grundsätze auf die Ge-sellschaft zu erklären. Man darf aber darüber nicht vergessen, daß mit Rousseau zu-gleich jenes Pädagogisiren am Schreibtisch begonnen hat, welches sich menschlicheNatur aus eigenen Gedanken construirt und Erziehungsideale aufstellt, ohne die Sorge,ja ohne auch nur den eigenen Wunsch der Realisirung zu hegen, jenes Pädagogisiren,welches mit oft geistreicher Rhetorik es versteht, in plastischer, runder Form das Un-geheuerliche zu sagen und das einzeln Richtige zu einem Schein des Allgemeinen auf-zublähen. So spricht sich auch in den citirten Worten Rousseau's ein einzeln Rich-tiges mit der Uebertreibung ins Allgemeine hinauf aus. Was am Schluß des Unter-richts und der Erziehung zu resultiren hat Eigenthümlichkeit, Selbständigkeit, daslegt er als Fertiges in den Ansang und die Methode; den Abweg des Auctoritäts-glaubens die geistige Lcibeigenheit stellt er als den nothwcndigen Weg desselbendar; um den moralischen Gefahren der Abhängigkeit auszuweichen, postulirt er einepsychologische Unmöglichkeit und baut auf diesen Sand das Luftschloß des von jedemSchüler verlangten Erfindens der Wissenschaft, des Gutwerdens aus dem eigenenInnern heraus ohne die Zucht fremder Auctorität. Indem er diese letztere lähmtund vernichtet, verkennt er zugleich das objective Gesetz, daß das Werden sich an und