Arndt.
Aesthetische Bildung in der Volksschule.
andern; die Gesetze müßen dieselben bleiben sür alle; nur das Maß ist verschieden.Man muß ein größeres Maß an den legen, der sich künftig in den weitesten Kreisenbewegen soll." — Größeren Einfluß indes, als durch diese eigentlich pädagogischenSchriften, hat Arndt durch seine anderweite schriftstellerische Thätigkeit aus die Jugend-erziehung geübt. Zunächst sind hier seine Märchen zu nennen, welche, soweit sienicht wirkliche Volksmärchen sind, doch durch die volksmäßige Reinheit, Gesundheitund Tüchtigkeit ihres Tones wohl vor allen von einem Einzelnen erdichteten oderumgedichteten Märchen den Vorzug verdienen, zumal der prächtige „Klas Aveustaken."Auch muß der vaterländischen Lieder Arndt's mit allen Ehren gedacht werden,hinsichtlich deren in Vergleich mit Körner, Schcnkendorf, Rückert vor allem zu rühmenist, daß nirgends sich die Gesammtstimmung jener großen Zeit so allseitig, so gesund, somännlich klar und kräftig ausspricht, als in ihnen, weshalb sie auch vor allen volks-thümlich geblieben und geeignet sind, in der Jugend einen reinen und kräftigen vater-ländischen Sinn zu Wecken und zu nähren. „Des Deutschen Vaterland," „das Liedvom Feldmarschall," „Vaterlandslied" (Der Gott der Eisen wachsen ließ u. s. w.),„Bundcslied" (Sind wir vereint zur guten Stunde u. s. w.), „Der feste Mann"(Wer ist ein Mann? Wer beten kann u. s. w.) u. a. werden unvergessen bleiben.Und endlich sind Arndt's „Erinnerungen aus dem äußeren Leben" (2. Ausl. Leipzig1840) nicht zu vergessen, die besonders des Verfassers schönes Jugendleben mit einerins Einzelne gehenden lebendigen Anschaulichkeit schildern. In der Vorrede zu diesemWerk stellt er sich in Gedanken auf jenen breiten Stein, welcher im Mittelalter zuStralsund in der Nachbarschaft des Prangers auf dem Markte lag und von dem ausallerlei feierliche Verkündigungen vorgenommen wurden. Auf diesen Stein also stelltsich der Alte und ruft: „Hier steh ich, ein redlicher und verständigerMann. Ist einer, der meint, mich davon auf die Nachbarstellc Hin-überstoßen zu können, der komme! Ich lebe noch, und will ihn be-stehen!" — Man wird den alten Arndt nicht Herunterstoßen!
Arreststrascn, s. Strafe, Schulstrasen.
Assistent, s. Lehrer.
Aesthetische Bildung in der Volksschule. Die Frage, ob das Volk einersolchen fähig und bedürftig, ob sie im Kreise des Volkslebens möglich und irgendwelchen Erfolg versprechend sei, entscheidet sich für uns dadurch, daß wir in diesemPnncte so wenig als in irgend einem andern eine absolute Trennung zwischen Volk undGebildeten zugestehen können. Hat sich doch das Volk im Gebiete der Poesie sogarsein eigenes Verdienst und Recht, seinen eigenen Ruhm erworben, indem es bekanntlicheine Volkspoesie mit eigentümlicher Qualität, im Unterschiede von der auf der Basiswissenschaftlicher Bildung oder höfischer Sitte beruhenden Poesie giebt.
Daß es uothwendig ist, auch dem Volke eine gewiße ästhetische Bildung durchUnterricht beizubringen, geht schon daraus hervor, daß selbst das, was ihm äußerlichso nahe ist, die Natur mit ihrer Pracht, ihm doch innerlich so ferne steht, daß es dieSchönheit seiner eigenen Umgebung großenteils gar nicht gewar wird und staunt,wenn Fremde darob in Entzücken gcrathen. Man muß geradezu sagen: wo bei einemVolke, d. h. auch bei den uiedern Schichten desselben, alle ästhetische Bildung fehlt,da ist eine allgemeine Rohheit oder (mehr passive) Stumpfheit vorhanden; soll diesegehoben werden, so ist die Bildung auch nach jener Seite nicht zu vernachläßigcn.Es ist zwar auch in dieser Hinsicht gewiß und bewährt sich täglich, daß die christlich-religiöse Bildung, selbst wenn sie nicht spcciell und mit Bewußtsein auf ästhetischeBeziehungen mit eingeht, schon an sich auch ästhetisch wirkt. Ein frommer Landmannsieht, weil er im blühenden Baum, iw wogenden Saatfeld, im flammenden Sternen-himmel die Hand Gottes erkennt, auch das Schöne daran besser, als wem jene An-schauungsweise fehlt. Aber geleugnet kann auch das nicht werden, daß es eine Artder Religiosität giebt, die grundsätzlich dem Schönen abhold ist; daß somit auch diereligiöse Bildung sich ihrer Aufgabe, zugleich ästhetisch zu bilden, bewußt bleibenmuß. Weiterhin ist der Umstand, daß in unserer Zeit das früher so hausbackeneund einfache Handwerk fast durchgängig in irgend einem Grade den Charakter derKunst angenommen hat, ein gewichtiger Grund, auf Einführung des ästhetischenMoments in die Volksbildung zu dringen. Wir verlangen zwar nicht, daß jeder