Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Abneigung.

Abrichten.

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bringen, daß niemand den Nächsten richten dürfe, am allerwenigsten die Jugend, dienoch so wenig geprüft und versucht worden ist. In dieser Hinsicht haben oft Elterngegen die Lehrer, Lehrer gegen die Eltern die Grenzen der Pietät zu schützen, im ge-selligen Verkehr ein bescheidenes Schweigen zu gebieten, ohne die Schärfe des sittlichenUrtheils abzustumpfen und ohne dem sitttlichen Frcimuth Abbruch zu thun, der diekonventionelle Form nicht über die Wahrheil erheben mag.

Abrichten, Drcssiren ist ein Beibringen bloß äußerlicher Fertigkeiten, wobeiman von der Basis innerlicher Entwicklung völlig absieht und bloß zufälligeZwecke, sei es das eigene Vergnügen oder der eigene materielle Vorthcil, im Augehat. Da der abzurichtende Gegenstand hiebei als ein Wesen ohne persönlichen Werth, alsbloße Sache, als bloßes Mittel, nicht als Selbstzweck behandelt wird, so folgt, daßder Mensch nie und unter keinen Umständen zum Gegenstand der Ablichtung gemachtwerden darf. Pferde, Hunde, Falken können abgerichtet werden, indem man ihrethierischen Fähigkeiten und Triebe benützt, um ihnen gewiße Fertigkeiten beiznbringen,die inan zum eigenen Vergnügen oder Nutzen auszubeuten beabsichtigt. Ein an derMenschenwürde begangener Frevel aber ist cs, wenn menschliche Personen zur Ab-richtung misbraucht werden, denn diese vcrläugnet das Gesetz harmonischer und all-seitiger Bildung und arbeitet bloß daran, die äußeren Seelen- oder gar nur Körper-thätigkeiten zu glänzender Virtuosität zu bringen, ohne für den geistigen Unter- undHintergrund zu sorgen. Sie tritt auf dem Gebiet der menschlichen Erziehung indreifacher Richtung auf. Man kann unterscheiden zwischen gewerblich-künst-lerischer, sittlicher und intellectucller Abrichtung. 1. Die gewerblich-künstlerische Abrichtung kommt B. vor, wenn Kinder von frühester Jugend anzu Sciltänzcrkünsten, zu theatralischer Production, zum musikalischen Virtuoscnthumu. s. w. drcssirt, oder, wie es bei Fabrikkindcrn häufig der Fall ist, zu mechanischerHandarbeit verwendet werden, ohne daß weder für ihre allseitige innere Ausbildunggesorgt*), noch der freien Selbstbestimmung in Absicht aus die Wabl ihres Lebcns-berufs Rechnung getragen wird. Häufig streift die Erziehung zur Arbeit in unfernniederen Ständen überhaupt au Dressur, überall nämlich, wo es an einem edleren sitt-lichen Familiengeist fehlt und die Kinder bloß als Maschinen zum Broterwerb ange-sehen und behandelt werden. 2. Die zweite Art der Abrichtung, die sittliche (solltefreilich eigentlich unsittlich heißen), begegnet uns am häufigsten in den Extremen derGesellschaft, in den höchsten und in den niedersten Ständen. Findet sich doch beiletzteren nicht selten eine förmliche Dressur der Kinder zum Stehlen, Betteln, Lügenu. dgl., die zu einer Art von Kunst ausgebildct ist, oft mit Hülfe von Leckerbissenoder Hunger und Schlägen. In den höheren Ständen wird das Kind zuweilenz. B. in die conventionellen Formen deS Anstands und der Höflichkeit so einexcrcirt,daß eS sich wie eine Drahtpuppe in der Gesellschaft bewegen lernt, dabei aber diePflanzung der Menschenachtung und Menschenliebe, von welcher jene Formen dieäußeren Zeichen sein sollten, völlig außer Acht gelassen. 3. Die iutellectuelleAbrichtung ist in unserer Zeit, obwohl sic die SchlagwörterNaturgemäßheit,"allseitige Entwicklung,"harmonische Bildung" so gern im Munde führt, verbreiteter,als man glaubt. Unsere Zeit huldigt auf dem Gebiet des Unterrichts theils einemeinseitigen Formalismus, theils einem einseitigen Materialismus. In formalerBeziehung legt sie ein übermäßiges Gewicht auf die Ausbildung des VerltandeS, sodaß diese vielfach sich bis zum Extrem einer Verstandesdressur verirrt hat. die esbloß auf geläufigen Vollzug logischer Functionen ohne alles sachliche Verständnisabgesehen hat. Man denke z. B. an den formalen Sprachunterricht, der alle gram-matikalischen Terminologicen bis zu bewundernswürdiger Geläufigkeit einübt, ohnedaß dadurch wirkliche Aneignung der Sprache erzielt würde, sodann an so manche inSchulen betriebene Kunststücke, z. B. Rechen-, Gesang-, Declamirkunststücke, bei denenes an allem geistigen Hintergrund fehlt. Diese Verstandesdressur macht, so viel anihr ist, ihren Zögling zu einem oberflächlichen, für alles tiefere Denken unfähigen,den Gebieten des höheren Geisteslebens entfremdeten, also höchst bornirten, dabei aber

*) Daß es lobenswerthe Ausnahmen giebt, sieht man aus V. A. Hubers Englischen Reise-briefen S. 68. 80 ff., wo sehr Ansprechendes aus England berichtet wird. Mit Obigem solldaher nicht die Verwendung der Kinder zur Fabrikarbeit absolut verworfen werden.