Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
7
Einzelbild herunterladen
 

Aberglaube.

7

der göttlichen Namen auf Seiten der Leute, die sie als Gewerbe treiben, stattfindet.Aber man muß auch misten, daß noch ganz anderes als solcher Misbrauch gar nicktselten mitnnterläuft, die sogen, schwarze Magic, eine Art Tcuselscnlt mit Verwün-schungen, mit Beraubung der Leichen in den Gräbern u. s. f., so daß hier nicht bloßDunkelheiten, sondern wirkliche Werke der Finsternis sind. Daher ist es auch ausdiesem Grund wiederum mit Spotten über den Aberglauben nicht gcthan, sondern esmuß hier eine wirkliche Nachtseite des menschlichen Lebens erkannt werden, selbst wennman nicht daran zu erinnern hätte, wie viel Unfug, Unsittlickkeit (bei Behandlungvon Liebesaffaircn durch Kartenschlägercicn n. dgl.), Betrug (bei Schatzgräbern),Feindschaft (ans der Beschuldigung, eine Hexe zu sein) und Mishandlung sich mitsolchem Aberglauben zu verbinden pflegt. Eine besonders reiche Quelle des ver-kehrtesten und verderblichsten Aberglaubens eröffnen diejenigen Staaten, welcke mitdem Lotto oder mit Spielbanken sich selbst eine Finanzquclle offnen. Derlei Anstaltensind ein trauriger Beweis politischer Blindheit und unbegreiflichen Widerspruchs derStaatsfinanzkunst mit der Erziehungskunst.

Unschuldigeren Aberglauben möchte man denjenigen nennen dürfen, welcher sichohne besondere Absicht mit Zeichendenten und Tagewählen abgicbt. Als z. B. welchenThieren man beim Nusgehen, auf einer Reise zuerst begegnet, wenn es einem ge-träumt hat von Gold, Perlen, Hochzeit, Zähneansfallen n. dgl., sodann die Scheue,am Freitag eine neue Arbeit anzufangen, den Dienst zu wechseln, zu reisen aberes ist doch hierinnen eine nicht gering anzuschlagende sittliche Verkehrtheit. Denn inallem, das uns begegnet, eine Botschaft Gottes erkennen, ist christlich, aber die Aus-deutung zu einem Angnrium heidnisch; in allem, was wir thun, unfern Willen vonGottes Willen lenken lasten christlich , heidnisch aber, uns hiebei nach äußerlichenMerkzeichen richten und unser Leben nach dem Calender, anstatt nach dem Wegweiserdes Ewigen regnliren. Es beweist mit für den tiefsittlichcn Ernst der mosaischenGesetzgebung, wie für die Höhe religiöser Vorstellung und die Innigkeit des Ver-hältnisses zu Gott, wenn dort das Volk gewarnt wird:daß nickt unter dir gefundenwerde ein Weissager, oder ein Tagcwähler, oder der auf Vogelgcschrei achte, oder einZauberer, oder Beschwörer, oder Wahrsager, oder Zeickcndcnter, oder der die Todtenfrage; denn wer solches thut, der ist dem Herrn ein Greuel; . . . Du aber sollstohne Wandel sein mit dem Herrn, deinem Gott." (5. Mos. l8, 1013,vgl. 3. Mos. 19, 31).

Aus dem Bisherigen geht schon hervor, wie dem Aberglauben zu begegnen sei.Worauf cs vor allem ankommt, ist Befriedigung der tieferen Herzens- und Geistcs-bedürfniste, Erleuchtung des Grundes der Seele, aus welchem die nächtlichen Dingehcrvorbrccken, wenn nicht das Licht hinuntergedrungen ist. Christliche Erkenntnisund kindliches Gottvcrtranen pflanzen nimmt der Wurzel des Aberglaubens dieNahrung von innen; Beseitigung der Vorurtheile über Natnrdinge, durch Mittheilungverständiger Ansichten und überhaupt Gewöhnung zu richtigem Warnebmen und Ur-theilen die von außen; bei Knaben ist außerdem Herzhaftigkeit und Muth zu übenund wider Gespensterfurcht auch die Ambition ins Feld zu führen. Spott wird nurgegenüber von ganz aberwitzigen Kundgebungen des Aberglaubens am Ort sein, umSckam zu erzeugen und den Verstand aus dem Schlaf zu wecken; dagegen um sogrößerer Ernst der sittlichen Entrüstung wider das Gottlose, Lieblose und Unmoralischeim Aberglauben. b!x prokosso ihn bekämpfen ist indicirt, wenn irgend etwas Auf-fallendes voransgieng, seine Verkehrtheit und Verderblichkeit bloß zu legen. Den Streitwider ihn mit Haaren herbeiziehen bewirkt eher das Gegcntheil. Auch soll man dieSchwachen nickt verletzen ohne Noth, bei welchen der Aberglaube oft nur ein Ueber-kleid des Glaubens ist, das mit schneller Gewalt ausziehen Erkältung bewirkt. EinLehrer, welcher die Großmütter im Orte wider sich hat, wird die Kinder seiner Schuleschwerlich für sich haben. Verächtliche Behandlung der Abergläubischen scheucht ihrenJrrthum ins Verborgene zurück und macht ihn desto zäher; Bekämpfung des Aber-glaubens durch Waffen des Unglaubens pflügt bloß das Feld um, daß neues Un-kraut statt des alten sprießt. Gleichwie die Fledermäuse um die angezündete Lampeflattern, aber vor der Sonne weichen, so weicht der Spuck aus dem alten Heiden-thnm und aus den heidnischen Regionen des Herzens nicht dem selbstgemachten Schein