Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Aberglaube.

Hexen, der Teufelscult, wie er im Beschwören, Schahgraben re. getrieben wird, hatseine Wurzeln in außerbiblischcm Boden. Bei den Gebildeten gilt daher für aber-gläubisch, wer die Versnchungsgeschichte für wirklich hält, weil sie gewöhnt sind, sichden Satan nur in der Weise deS heidnischen Volksglaubens vorzustellen und ihn alsolängst ins Fabelbuch geschrieben meinen.

Aehnlich wie diese Art von Superstition zu dem alten Heidenthum, verhaltensich etliche Vorstellungen bei dem evangelischen Volk zu dem vorreformatorischenGlauben. Hieher gehört die Meinung von der Zauberkraft der Hostie, daß man sichfür kranke Angehörige Messen lesen läßt, den Segensspruch des Kapuziners oderPriesters über den Stall begehrt, das Vieh gegen böse Leute zu schützen; in dieserBeziehung haben häufig solche Orte, welche zur Zeit der Reformation bei dem altenGlauben blieben, während rings um sie her das Volk evangelisch ward, bis auf denheutigen Tag starken Zulauf.

Solches alles würde sich nicht fortgeerbt haben, wäre nicht im Gemüth deSMenschen eine allgemeine Anknüpfung und Neigung, daher denn auch wo alter Aber-glaube völlig beseitigt ist, neuer von selbst aus dem Boden wächst. Man denke imvorigen Jahrhundert an einen St. Germain, Cagliostro, Mesmer und andere, inunserer Zeit an den grassen Unsinn des Tischklopfens. Aberglaube verhält sich indieser Beziehung zum Glauben wie Abgott zu Gott, denn der Abgott ist das eigeneWahngebild des Herzens, welches Gott verlassen hat und doch von dem BedürfnisGottes nicht loskommen darf (Apostelgesch. Cap. 17), daher es sich selbst seine Götterschaffen und in ruhelosem Suchen ermüden muß.

ES wäre ganz irrig, bloß bei den sog. ungebildeten Ständen Aberglauben voraus-zusetzen; diese Krankheit zieht sich durch alle hindurch; nicht bloß die weltberühmteKartenschlägerin Lenormand in Paris ist des Zeuge, es giebt auch in DeutschlandStädte genug, da man zu weit geringeren Weibern wallfahrtet, in Equipagen wiezu Fuß, und die Magier auf dem Dorf, Schmiede, Schäfer, Schinder u. dgl. bringenes nicht selten zu einer Praxis, welche an Umfang die der berühmtesten Aerzte er-reicht und zu welcher manchmal Leute ihre Zuflucht nehmen, von denen sich allesandere eher erwarten ließe. Ein psychologisches Problem, das sich doch unschwerlöst. Denn an und für sich liegt in der menschlichen Natur ein Zug nach dem Wun-derbaren, und wer daher an dem Mysterium des Christenthums vorübergeht, welchesdem Geist nach allen Richtungen hin (Röm. 11. 33. Eph. 1, 17. Col. 2, 3) Arbeitund Nahrung gewährt, fällt in das Phantastische, Abenteuerliche, und hascht nach demSpuck selbstgemachrer Mysterien. Bei den Ungebildeten aber ist es gewöhnlich einunmittelbares, praktisches Bedürfnis, was sie dem Aberglauben zuführt, eine größereNoth, welche über sic kommt, für welche ihr Glaube, der etwa nur für den Bedarfdes gewöhnlichen, täglichen Lebens ausreicht, zu schwach ist, z. B. eine Krankheit,welche der ärztlichen Kunst nicht bald weichen will, und so den Verdacht weckt, ange-tban zu sein u. dgl. Hier aber muß man cinsehen, daß es eben ein oberflächlicherGlaube ist, welcher dem Aberglauben das Feld räumt, sobald das Ungewöhnliche er-lebt wird; es fehlt an einem gründlichen Eingehen in den ersten Glaubensartikel:ich glaube an Gott Vater, allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden, und anseine Auslegung: ich glaube, daß mich Gott erschaffen hat sammt allen Creaturenu. s. f. Die eigentlichen Trostsprüche, die da auf den tiefsten Grund des Herzensdringen, wo sie aus dem obersten Himmel geholt sind, als:Denen, die Gott lieben,müßen alle Dinge zum Besten dienen;"ich weiß, daß weder Hohes, noch Tiefes. . . mich scheiden kann von der Liebe Gottes," und dem gleiche, wenn diese ignorirrsind und ihnen der Eingang gesperrt ist, so bleiben die schwierigeren Führungen desLebensweges unerklärt, so ist der Seelengrund nicht hereingezogen in die christlicheErleuchtung, und also sobald er aufgeschreckt wird durch Schicksalsschläge, so reagirter nicht christlich, sondern heidnisch, anstatt mit Gebet, mit Magie, anstatt mit Ver-trauen, mit Verzweiflung ein Saul, der zu der Todtenbeschwörerin in Endorwallfahrtet.

Man möge nicht einwenden, es gebe auch eine unschuldige Art von Glauben anSympathie und Magie; ganz unschuldig kann es kaum sein, sich solchen dunkelnDingen anzuvertrauen, zumal bekannt ist, daß fast bei aller Sympathie Mißbrauch