Aberglaube.
glauben der Türken vorstellig gemacht, die unsicher» Gestalten im Zwielicht desMondscheins, das Rauschen und Flüstern in der Einsamkeit des Waldes — dieGelegeuheitsursache der Gespensterfurcht und der Bevölkerung unheimlicher Drtc mitumgehenden Geistern. — Auch der Verstand hat gcwißcrmaßcn seinen Aberglauben,indem er irrige Schlüsse bildet und darauf weiter baut, oder von andern erzeugtefalsche Urtheile und Schlüsse auf Auctorität hin sich ancignct. Dies beweist dieGeschichte der Philosophie, sofern gerade die Jrrthümer und Einseitigkeiten der be-rühmten Denker von den Schülern oft am begierigsten ausgenommen und verfochtenwurden; die Geschichte der Pädagogik, wenn das Heil der Welt von irgendeinem neuen System oder einer neuen Methode, einem weiteren Unterrichtsfach(z. B. den Denkübungen, den Realien u. s. w.) erwartet wurde. Wie viel Ver-standesaberglaube in politische» Meinungen und Systemen sei, lehrt der Tag,z. B. der an das allein den Volkswillcn repräsentircn sollende allgemeine Wahl-recht oder der Aberglaube an die absolute Auctorität Eines despotischen Willens,von welchem Aberglauben je die Nährer desselben (Demagogen, Höflinge) sich selbstnähren, wie die Priester vom Götzenopfer. Man muß diese Art von Aberglaubeneine Krankheit der Anmaßung des Verstandes, da er über Gebühr an sich selbst glaubt,jene erstere aber, da den Sinnen ohne Urtheil geglaubt wird, die Krankheit desschlafenden Verstandes nennen, übrigens schon hier sich merken, daß Freiheit vomAberglauben nicht ohne weiteres das Privilegium der sogenannten Gebildeten sei.
Das eigentliche Gebiet des Aberglaubens im engeren und gewöhnlichen Sinnaber ist das religiöse, und hier kommt er theils als Erbkrankheit vor, deren Anfängesich nicht selten in das heidnische Altcrthnm zurückerstrccken, theils als neu entstandeneKrankheit, local und auf einzelne Personen oder Gegenden eingeschränkt endemisch,oder epidemisch durch Miasma oder Contagion sich weit hin ausdehnend, chronischoder acut. Meistens besteht diese religiöse Krankheit in einem Zuviel, sofern dabeimehr, als wahr ist, für wahr genommen, der Glaube überladen wird, aber so, daßder Aberglaube am Glauben zehrt, wie eine Aftcrorganisation am Körper, und daßdiese Astcrbildung aus Mangel an Glaubensbilduug, aus innerer Störung und un-gesunden Säften hervorsproßt. Eben darum ist der religiöse Aberglaube, so sehrer auch in einzelnen Erscheinungen den Spott hcrausfordert, doch im Grunde sichernicht zum Lachen, sondern eine gar ernstlich zu nehmende Sache, zumal er seltensich mit der Verunstaltung der Gedanken begnügt, sondern nicht minder den Willenangreift.
Daß in unserem deutschen Volke noch eine Menge von Resten des. alten, zer-trümmerten Naturdienstes, wie ihn die Germanen hatten, bevor auf diesen Wildlingdas veredelnde Reis des Christenthums gepfropft wurde, vorhanden seien, hat Grimmzu deutlicherem Verständnis gebracht. Nicht aber sind jene Reste in ihrer unmittel-baren Natürlichkeit vorhanden, sondern sie sind in dem innerlich bis heute noch un-vollendeten Proceß der Christianisirung umgestaltet und (z. B. die weisen Frauen zuHexen) verzerrt worden. Das Christenthum hat in sofern dies wenigstens bewirkt,jene Gebilde der heidnischen Vorstellung in den Gcmütbcrn mit dem bösen Gewissenzu behaften, daß sie sich nicht öffentlich sehen lassen können, denn sie sind häßlich,böse, wild, oder wo noch ein gutmüthiger Zug in ihnen, komisch, kindisch, eingeschrumpft,sie führen ein in den dunkeln Grund des Bewußtseins zurückgcdrängtes Leben, vonwo aus sie immerhin schreckend und neckisch hcrvorwinkcn, aber nimmermehr das Tag-leben sich völlig zu unterwerfen vermögen. Es ist ein Hausglaube, der sich vor demKirchenglauben scheut, vor welchem er kein gutes Gewissen hat; aber eben darum istes auch so schwer, diesem Volksaberglaubcn beizukommen, denn er verbirgt seine Tra-ditionen mit besonderem Fleiß vor Geistlichen und Lehrern —, wie man dies schonbei Kindern warnimmt, welche gar ungern mit solchen Vorstellungen gegen ihre Lehrerheransrückcn. — Wie übrigens das Christenthum dem deutschen Hcidenthum seineGöttergestaltcn entstellt, seinen Glauben vergällt, so hat umgekehrt in dem unvoll-endeten Proceß dieses auf jenes theilweise entstellend zurückgewirkt; denn der Teufels-glaube unseres Volkes hat zwar den Namen und den Begriff des widergöttlichenWesens an dem «atan aus der Bibel, aber Gestalt und Beiwerk, Bockshörner,Pferdefuß re., die greulichen Vorstellungen von dem Verhältnis des Teufels zu den