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was sie bis dahin im Dienste des Sinncnthums verbrochen, die Kunst sichsäst gänzlich von der Materie losgesagt hatte, ward jetzt das Vcrhältnißwieder geradezu umgekehrt: was der Erde angchörtc, wurde am reichstenausgcstattct, am stärksten betont; die äußere Schönheit sollte nicht ferner-em Rester der inneren sein;,die rhythmische Gliederung, welche beide ver-mittelte und in das rechte Vcrhältniß zu einander stellte, ward unterbrochen,der geschmackvolleren Anordnung, der runderen, gelenkeren Erscheinung derFiguren jede höhere Rücksicht geopfert. Ucbcrhaupt sank die Kunst wenigerwegen Mangels gewisser Elemente der Schönheit, als durch die Verwirrung,welche in denselben und ihrem Verhältnisse zu einander cintrat.
Gleichen Schrittes mit diesem Umschwünge in der Kunst ging dieSchwächung des christlichen wie des staatlichen Bewußtseins. Die heilig-sten Ncberlicferungcn wurden bei Seite gesetzt, die naturgemäße Entwicklunggehemmt; die Zweifclsucht zog in die Geister, die Genußsucht in die Her-zen ein, die Gegengewichte gegen das Laster und den Unglauben wurdenimmer schwächer. Natürlich traten diese Conseguenzen eines falschen Prin-cips nicht mit Einem Schlage und nicht allcrwärts in gleicher Stärke her-vor; thcilweise werden wir erst nach Generationen die zu dieser Zeit geleg-ten Keime sich entwickeln sehen. Inmitten der fortschreitenden Vcrdcrbnißathmete man noch die christliche Atmosphäre und zehrte am alten Erbgutc.So glühte denn auch, nachdem längst schon die Sonne der christlichen Kunstunter den Horizont hcrabgcsunkcn war, ihr Licht diesseits noch im Rcflerefort; ja der Untcrgangsschcin konnte leicht für eine neue Morgcnröthe ge-nommen werden, und nicht Wenige thatcn so in gutem Glauben. Wievordem in Griechenland, so war auch hier die erste Periode des Verfallesglänzend; auch dort wurde die Schönheit durch die Sittenlosigkeit verdorben.
Durch den Einfluß Roms und den blendenden Schimmer, welchen ihmnamentlich Papst Leo X. gewährte, so wie durch die vielfachen BeziehungenFrankreichs zu Italien, insbesondere unter Ludwigs XII. und Franz I. Re-gierung, ward die neue Richtung zunächst nach jenem Lande verpflanzt, woman sie als „Renaissance", als die Wiedergeburt des wahrhaft klassi-schen Schönheits-Jdcalcs begrüßte. Statt mitten im Leben des Volkes oderan geweihter Stätte schlug sie ihr Zelt in den Fürstcnhöfen auf; ihre umTitel und Orden buhlenden*) Adepten sahen geringschätzig auf die schlichten
*> Am französischen Hofe wurden hervorragende Künstler förmlich mit dem Titeleine« Kammerdieners des Königs (variot äo cimmbro) „begnadigt", was denn innaturgemäßer Fortentwicklung bis zu dem Königlichen Edicte ä. ci. Berlin, 27.Deccmber1765 sS. Korn'sche Edicten-Sammlung Bd.XIX. S. 262) führte, worin cs u. A. wört-lich-heißt: „Damit auch aller Zweifel, was unter Leuten von geringem Stande und Hcr-
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