438 Das römisch-deutsche Reich in den beiden nächsten Jahrhunderten
collegium durch Aufnahme einer hinlänglichen Zahl tüchtiger Mitgliederdie rechte Haltung zu geben. Die Cardinäle, die Anfangs ihren inAvignon gebliebenen Amtsgenossen die Wahl gemeldet, sannen in Anagnidarauf, den Gewählten zu beseitigen und erklärten seine Wahl für eineunfreie und darum ungültige. Da Urban hierauf nicht cinging, wähltendie französischen Cardinäle mit Einschluß der aus Avignon herüberge-kommenen nebst den mit einer Ausnahme von ihnen gewonnenen italischenin Fondi, wo sie den Schutz der Königin Johanna hatten, einen Ange-hörigen des Hauses Savoyen, den Cardinalbischof Robert von Genf,der sich Clemens VII. nannte und seinen Sitz in Avignon aufschlug.So brachte die Selbstsucht der Männer, die von den letzten Päpsten zurTheilnahme an der Regierung der Kirche berufen waren, über dieabendländische Christenheit das Unheil eines Schisma's. Frankreich, vondem das Unheil auögegangen, diente dem Gegcnpapste zur Stütze, undaußerdem fand dieser durch französischen Einfluß Anerkennung in Neapel,Savoyen, den spanischen Neichen, Schottland und Lothringen. KaiserKarl bewirkte, daß Deutschland an dem rechtmäßigen Papste hielt, aberer konnte dem Gegcnpapste nicht einmal die Königin Johanna ab-wendig machen, und König Karl V. von Frankreich wurde von denfranzösischen Cardinälen verhindert, die Lage der Sache zu erkennen.Das Schisma dauerte auch nach dem Tode Urbans und Clemens' fort,und die Gegenpäpste hatten sich unter das Joch des französischen Hofeszu beugen und sich und ihre Cardinäle aus dem Gute der französischenKirche zu erhalten.
22. Durch den Rest des Jahrhunderts zieht sich mit dem Schismaeine Reihe von Versuchen hin, dasselbe zu heben. Die beiden Päpstestehen einander in Feindschaft gegenüber, die Fürsten unterhandeln mitihnen und unter sich über Herstellung der Ordnung, die Gelehrtenerörtern die Mittel, mit welchen dem unseligen Zustande ohne Verletzungeines Rechtes ein Ende zu machen sei. Eine kaiserliche Gewalt, die hierhätte Nachdruck verleihen können, war nicht vorhanden. Denn obwohlWenzel an dem rechtmäßigen Papste festhielt, kam er nicht einmal zurGewinnung der Kaiserkrone, ja das deutsche Reich verspürte nichts vonseinev Herrscherthätigkeit, da er sich ganz auf Böhmen beschränkte. DieSonderung des Reiches in einzelne selbstständige Theile konnte also nurfortschreiten und in diesen Theilen allein zeigt sich das eigentliche ge-schichtliche Leben. In Deutschland erneuern, verstärken, vermehren sichdie Versuche, ein eigenthümliches Leben in den durch Vereinigung gebil-deten Kreisen zu Pflegen. In Italien gelangen die von mehrerenPunkten ausgehenden Eroberungsversuche zu einem Abschlüsse, und esstellt sich nach Vereitelung aller aus Bildung eines Uebergewichts ge-richteten Absichten ein gewisses Gleichgewicht ein, in Folge dessen die