Druckschrift 
2. Die christliche Zeit 1 (1855) Fünfzehn Jahrhunderte
Entstehung
Seite
229
Einzelbild herunterladen
 

Frankreich bis zum Ende des elften Jahrhunderts. 229

Land füllte sich mit Burgen, welche bei so unsicher» Verhältnissen Schutzund Abwehr möglich machen sollten. Der König, den man wegenseines Mangels an Kraft den Einfältigen nannte, verlor nicht allein,indem er solchem Zustande nicht steuern konnte, alles Ansehn, sondernwurde auch aller Macht dadurch beraubt, daß seine kleineren Vasallensich in Lehenöverhältniß zu den größeren begaben. Doch ereignete sichunter der schwachen Negierung eine für das ganze Land heilsame Ver-änderung, indem den Normannen, deren Streifzüge noch nicht anfgchörthatten, eine Niederlassung eingeräumt wurde. Einem ihrer mächtigstenFührer, Rollo oder Rolf, bot Karl, wenn er Christ werden und Friedenhalten wolle, die Hand seiner Tochter Gisela und einen an der unternSeine oder Sequana gelegenen Landstrich, der schon lange der Schau-platz normannischer Verheerung gewesen war. Die Annahme diesesAnerbietens endete die normannischen Streifzüge, die jüngst noch dieAuvergne oder das Arvernerland erreicht hatten, in ähnlicher Weise,wie schon vor langer Zeit die Wanderungen einzelner germanischenStämme geendet hatten. Rollo nannte sich in der Taufe nach seinemPathen, Odo's Bruder, Robert und beherrschte seit dem Jahre 912 alsfranzösischer Vasall unter dem Namen eines Herzogs das eingeräumteLand, das den Namen der Normandie erhielt. Sein Gebiet erstrecktesich an der Seine aufwärts bis zu dem Flüßchen Epte und reichte west-wärts bis an die Bretagne oder das Land der Bretonen, worüber ihm,da sie doch nie den Königen auf die Dauer gehorcht hatte, eine Lehens-hoheit zugestanden wurde. Spätere normannische Ankömmlinge ver-stärkten, anstatt nach gewohnter Weise das Land zu durchschweifen, dieAnsiedler und fanden ein Feld der Thätigkeit in der Bretagne, wo diezugestandcne Lehenshoheit erst durch die Waffen verwirklicht werdenmußte. Das neue normannische Gebiet, in welchem die Normannenzu Franzosen wurden, und dessen Hauptstadt Rouen oder Rotomaguswar, ist die Heimath derjenigen Normannen, welche ein Jahrhundertspäter für ihren fortdauernden Trieb nach Wanderungen und Waffen-thaten ein neues Ziel im südlichen Europa fanden und dort auf einefolgenreiche Weise in die Verhältnisse des römisch-deutschen Reiches unddie Verhältnisse zwischen Kaisern und Päpsten eingriffen. Eine Stützefür seine eigene Herrschaft, wie er sie gehofft haben mochte, erhielt aberder König durch diesen neuen Vasallen nicht, da derselbe sich an Selbst-ständigkeit den übrigen großen Vasallen des Reiches gleichstellte. Da-gegen eröffnete sich ihm eine Aussicht, in dem Lande Lothringen, dem alseinem größtentheils deutschen Lande die Karolinger näher standen, eineGrundlage für Herstellung der Königsmacht zu gewinnen. Nachdem erschon auf Zwentibald einen erfolglosen Angriff gemacht, brachte er dasLand nach dem Tode Ludwigs des Kindes größtentheils in seine Gewalt.