Das deutsche Reich bis zum Ende des elften Jahrhunderts. 187
drohte, für die Kirche statt einer Schirmvogtei eine Zwingherrschaft zuwerden. Daher schloß sich Papst Formosus, Stephans V. Nachfolger,an die durch Berengar vertretene deutsche Partei an und bat Arnulf,nach Italien zu kommen. Von Berengar unterstützt, vertrieb derselbeden Guido im Jahre 894 aus dem nördlichen Italien, machte von da auseinen Angriff auf den burgundischen Rudolf, ohne in den Hochalpen et-was ausznrichtcn, kehrte nach Deutschland zurück und kam im Jahre895, als Guido gestorben war, wieder nach Italien. Jetzt ging derZug gegen Nom. Hier waltete Guido's Wittwe für ihren Sohn Lam-bert, den schon der Vater zum Mitkaiser angenommen hatte. Die Deut-schen erstürmten die Stadt und ihr König ward zum Kaiser gekrönt.Doch wurde keine Herrschaft begründet. Berengar, der durch sein An-schließen an Arnulf die eignen Pläne vereitelt zu sehen fürchtete, vertrugsich, als Arnulf krank heimgekehrt war, mit Lambert dahin, daß dieserihm Alles, was nördlich vom Po und östlich von der Addua oder Addalag, überließ.
2. Als Arnulf im Jahre 899 starb, nahmen die Großen des Rei-ches das Wahlrecht, das sie schon durch seine Erhebung geübt hatten,wieder in Anspruch. Der unbedingte Uebergang der Herrschaft ans dieNachkommen des Königs und, wenn es ihrer mehrere waren, die Thei-lung des Reiches unter dieselben, hörten auf. Zugleich war eine Machtneben der königlichen im Entstehen begriffen durch das Aufleben der altenHerzogtümer. Die Nachbarschaft der Slaven hatte zuerst in Sachsen dasBedürfniß einer obersten Leitung der Landesverteidigung hervorgeru-fen, und die Erinnerung an die frühere Selbstständigkeit bewirkte einenunmerklichen Uebergang der Befehlshaberschaft in die Würde einesStammobcrhauptes. Dazu wirkte das Vorbild der Markgrafen mit, dieschon längst mit einer höheren Gewalt ausgestattet waren, ja es mögendie ersten dieser Herzoge selbst aus Markgrafen entstanden sein. Arnulfhatte vergeblich seinem Sohne Zwentibald die Nachfolge zu sichern ge-sucht und bei dem Widerspruche, den er fand, demselben Lothringen alseigenes Königreich gegeben. Dagegen hatte man ihm die Nachfolge fürseinen ehelichen Sohn Ludwig versprochen und nach seinem Tode aufeiner Versammlung zu Forchheim im Jahre 900, obgleich derselbe nochein Kind war, den Beschluß wiederholt. Die Unmündigkeit des Königsförderte die Selbstständigkeit der Stämme und die Ausbildung der her-zoglichen Würde. Dazu trugen auch die verheerenden Züge der Madscha-ren bei, welche überall Vorkehrungen zu augenblicklicher Gegenwehr noth-wendig machten. So erhielt jetzt auch Baiern seit Thassilo's Sturzwieder den ersten Stammherzog. Lothringen war bald nach ArnulfsTode wieder in unmittelbare Verbindung mit dem Reiche getreten, daZwentibald, der sich dem Könige Ludwig nicht unterwerfen wollte, von