Das fränkische Reich bis auf Karl den Großen. 139
die größte Aufgabe hinsichtlich der Behauptung der Länder und derAusbildung der inneren Verhältnisse zu. Es kam diesem Reiche zuStatten, daß es von dem allgemeinen sittlichen Verderben am wenig-sten beherrscht wurde, weil in ihm die Bevölkerung mehr alter Art treugeblieben war und nicht die ursprüngliche Roheit den furchtbaren Bundmit der römischen Uebcrfcinerung geschlossen hatte. Entsprechend demCharacter seines Reiches, war auch Siegbcrt frei von Ausschweifungund entwickelte rege Thätigkeit. Er kämpfte mit Erfolg gegen die jetztwestwärts vordringenden Avaren, die nach mehreren Angriffen auf Thü-ringen ihren Naubzügcn eine andere Richtung, die gegen Pannonien, zugeben anfingen. In der Ausbildung der Verfassung war das Wichtigstedie Entstehung der Herzogthümer. Wie für Verwaltung und Rechts-pflege das Land eine Eintheilung hatte, die sich der altgermanischcn Ein-theilung nach Gauen anschloß, und sich auch in dem romanischen Theiledes Reiches nachbildete, so stellte sich bald das Bedürfniß höherer Be-amten heraus, deren Wirksamkeit sich über eine Anzahl von Gauen er-streckte. Dieses Bedürfniß bildete sich zunächst mit Rücksicht auf denKriegsdienst. Da eine Anzahl freier Franken sich in einem Dienstver-hältnisse zu dem Könige befanden, und dieses Verhältniß, das sich andas Lehensverhältniß knüpfte, noch fortwährend neu eingcgangen wurde,war ein Führer des Aufgebotes erforderlich. Ihm führten die Beam-ten der Gaue, welche den deutschen Namen Graf und den lateinischenComes führten, die aufgebotene Mannschaft zu. Bei der Wichtigkeit,welche die Kriegsverfassung in einer Zeit beständiger Kriege und untereinem fortwährend zum Kriege gerüsteten Volke hatte, knüpfte sich anden ursprünglich militärischen Beruf des über den Grafen stehendenBeamten, welcher Herzog oder Dur hieß, auch eine Thätigkeit in den übri-gen Richtungen, in welchen die königliche Machtvollkommenheit sich wirk-sam zeigte. Diesen in Folge eines Bedürfnisses entstandenen Herzog-tümern traten erbliche Herzoge bei den unterworfenen Völkern zurSeite, den Negentenstämmen angehörig, welche zur Zeit der Selbststän-digkeit bei ihnen geherrscht hatten. An ihnen fand das Bestreben derVölker, im Ganzen des Reiches noch eine freiere Stellung zu bewahren,seinen Anhalt. Dieses Verhältniß war am deutlichsten bei den Bajoa-ren ausgeprägt, die im ganzen austrasischen Reiche das loseste Gliedbildeten.
7. Unter Sicgbert entstand aber auch ein feindseliges Verhältnißzwischen Auftrasien und Neustrien. Siegbert und Chilperich waren mitAthanagilds Töchtern Brunhilde und Galeswintha vermählt. Chilperichhatte auch nach dieser Vermählung früherem ausschweifenden Leben nichtentsagt, und sein Kebsweib Fredegundc verdrängte die rechtmäßige Ge-mahlin, die einst erdrosselt gefunden wurde. Jetzt glaubte Brnnhilde