78 Das römische Reich unier den Imperatoren.
als etwas aus der Fremde Gebrachtes angenommen hatte, ihre Haupt-stütze zu suchen hatte. Dieses Verhältniß gab auch der Kirche einegesicherte Stellung und wahrte ihr den Einfluß, wodurch sie von denbeiden Klassen der Bevölkerung die eine schützte, die andere bildete undso zwischen beiden ein Amt der Vermittlung übte.
44. Die Gründung des gothischen Reiches war der Anfang einerReihe von Ereignissen, durch welche die Bewegungen germanischer Völkerihrem längst erkennbaren, schon von Tacitus angedeuteten Ziele, derZerstörung des römischen Reiches, rascher zuzueilen und es an der West-Hälfte zu erreichen begannen. Bei den Gothen ist zuerst die bewußteAbsicht, das römische Reich zu zerstören, hervorgetreten, hat sich aber inder Vorschule der Civilisation, die sie seit ihrer Einwanderung indasselbe durchlaufen, dahin abgeändert, sich in demselben, wie in einemgroßen verfallenden Gebäude, eine neue Wohnung einzurichten, wobeidie Vorgefundenen Einrichtungen ihre Verwendung fänden. Währendso in einem Theile des Reiches eine neue mit dem Römerthume in Be-ziehung stehende und ihm doch fremde Ordnung sich bildet, ist auchanderwärts, wo nicht mit gleicher Planmäßigkeit Neues gegründet wird,die Herrschergewalt nicht mehr im Stande, die Theile des Neichs-körpers festzuhalten, und, wie sich einst Jahrhunderte lang das Ganzeaus Theilen zusammengesetzt hatte, ging die Ablösung der Theile ihrenunaufhaltsamen Gang. Außerdem, daß Theile von Gallien durch Ale-mannen, Burgunder und Franken verloren waren, gab es für Britan-nien und das nordwestliche Gallien, Armorica genannt, keine römischeNegierung mehr, da eine solche keinen Schutz mehr gegen Sachsen,Pikten und Skoten zu gewähren vermochte. Ebenso war in Spanien,wo nach Wallia's Abzug Sueven und Vandalen wieder raubend ausihren Wohnsitzen vordrangen, nur soviel Schutz zu finden, als die dor-tigen Statthalter aus eignen Mitteln und nach eignem Willen boten.Selbst die Provinz Afrika, die keinen fremden Angriffen bloßgestellt war,bildete bei der Ohnmacht der Negierung fast eine unabhängige Herr-schaft. Schon der ältere Theodosius hatte zu Bezwingung des Firmusdessen Bruder Gildo gebrauchen müssen und diesem war die Statthalter-schaft von Afrika geworden. Er hatte dort mit all' der Unabhängigkeitund Willkühr, wie sie ein Satrap des alten persischen Reiches besitzenkonnte, geschaltet und selbst dem großen Theodosius in dem Kriege mitEugenius die befohlene Unterstützung nicht gesandt. Unter Honoriusbrachte er das Reich durch Hemmung der afrikanischen Getraidezufuhr,deren das verwüstete Italien nicht entbehren konnte, in die größte Noth.Sein Zwist mit einem dritten Bruder Mascezel wurde im Jahre 398von Stilicho zu seinem Sturze benutzt. Da aber Stilicho dem Mas-cezel den Gewinn, den er von der Besiegung seines Bruders erwartet