Gang und Gliederung der christlichen Geschichte. 15
beistimmen, welche, dem Geiste der Kirche entfremdet, in der rasch ge-stiegenen wissenschaftlichen Thätigkeit und den zahlreich vorliegendenErfolgen Mittel zur Bekämpfung der Kirche erfanden, gegen die siezur Rechtfertigung des eigenen Verhaltens den Vorwurf ersannen,daß sie, um die Menschheit leichter zu beherrschen, dieselbe auf der Bahnder Erkenntniß zurückgehalten habe. Diese Ansicht gewann an Festigkeitund Ausdehnung, als im Anfänge des sechzehnten Jahrhunderts ein ge-waltiger Riß einen Theil der Christenheit von der Kirche schied, derdie aus dem Schacht des Alterthums zu Tage geförderten wissenschaft-lichen Mittel zum Kampfe gegen die Kirche und zum Ausbau des eig-nen neuen Hauses benutzte. Die bald entstehende Meinung, daß dieaus der Kirche Ausgeschiedenen durch ihr Ausscheiden zu dem reinerenChriftenthum der ersten Jahrhunderte zurückgekehrt seien, gab auch einenreligiösen Standpunkt, auf welchem die Meinung, der natürliche undwünschenswerthe Lauf der menschlichen Geschicke habe eine tausendjährigeUnterbrechung erlitten, sich empfahl.
7. Bei dem Eintritte der neuen Zeit zeigt sich die oft vorkommendeErscheinung, daß gerade inmitten einer regen wissenschaftlichen Thätig-keit und unter dem Genüsse der von ihr erzielten Ergebnisse sich derGeister eine Gährung bemächtigt, welche sich zu einem Kampfe gegendie Kirche entwickelt. Ein solcher Kampf wirft sich auf die Zucht derKirche, indem er Uebelstände zu beseitigen unternimmt. Indem in derHitze des Eifers Gegenstand und Weise des Angriffs verfehlt werden,erwacht die Vertheidigung und sie schärft, indem sie die Heftigkeit desAngriffes steigert, den Gegensatz so, daß der Angreifer, um dem Ange-griffenen seine Stellung unhaltbar zu machen, auch die Kirchenlehre fürverfälscht erklärt. Die Schritte, welche schon in dem vorigen Zeiträumefür Sprengung der die Christenheit als ein Ganzes umschließendenBande geschehen waren, das in allen Kreisen bei den Herrschenden ver-breitete Verlangen nach unbedingter Freiheit des Schaltens, leistete demneuen Beginnen große Hülfe, da die neue kirchliche Verfassung, welchedie von der Kirche Getrennten sich gaben, für jeweiliges Gebiet demFürsten die oberste Kirchengewalt übertrug und so einen Zustand herbei-führte, durch welchen das fürstliche Ansehn von dem ihm oft störend cnt-gegengetretenen kirchlichen Ansehn für immer befreit schien. Dadurcherschien in dem Gefolge der Kirchentrennung eine Menge staatlicherVeränderungen und Umwälzungen, so wie auch neben der von derKirche selbst unternommenen geistigen Bekämpfung der immer mehr an-schwellenden Gefahr eine bewaffnete Gegenwehr von Seiten derjenigenunter den Mächtigen nicht fehlte, welche in Aufrechthaltung der Kirchedie Bedingung für die Unversehrtheit der staatlichen Ordnung und dermenschlichen Wohlfahrt erblickten. Es entwickelte sich aber aus dem