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Folge 5 (1885)
Entstehung
Seite
380
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Gustav's Neffen aber andern Rheinwein bestellt. Der Sekretär bringt beiGustav's Rückkunft znr Rechtfertigung seiner Voreiligkeit vor, sie hätten nichtgeglaubt, daß die Erledigung der Geschäfte ans der Regierung so bald erfolgenwürde, und so hätten sie denn gewagt, ihren sich meldenden Appetit vorher znbefriedigen, ohne die Rückkunft des Majors abzuwarten. Letzterer rümpft zwardie Nase über diese Dreistigkeit, sagt aber weiter nichts und setzt sich zum Früh-stück nieder. Nach Ernstcns Mitthcilnng hat Zimmermann eine augenblicklicheAbwesenheit seiner benutzt, den Wein in die Gläser zu schenken, angeblich, umzu sehen, ob der Wein auch nicht verdorben sei. Gar bald min darauf, alsGustav den ersten Schluck ans dem für ihn hingesetzten Glase zu sich genommenhat, wird er blitzblau im Gesicht und fängt an unwillkürlich mit den Armen zuschlagen. Nachdem nun ferner ein Znstand eintritt, der nach einem Schlaganfalleaussieht, wird Gustav auf ein Logirzimmer gebracht und sofort ein Arzt geholt.Dieser erkennt aber, da sich eine große Übelkeit im Magen und dann starkesErbrechen einstellt, daß kein Schlaganfall vorliegt, sondern prognoscirt ans eineVergiftung, etwa durch Grünspan aus einem nachlässig gereinigten kupfernenKochgeschirre; er läßt daher zunächst lauwarme Milch und Eiweiß einnehmenund in der Apotheke ein starkes Brechpulver bereiten, nach dessen Einnahme allerMageninhalt mit dem (allem Vermnthen nach ans einer allzugroßenArscnikgabe bestehenden) Gifte glücklich ausgebrochen wird. Hierauf geräthGustav in einen so kolossalen, wie Leinweberschlichte riechenden, schwächendenSchweiß, daß ununterbrochen die Wäsche gewechselt und durch frische erwärmteersetzt werden muß. Der Arzt bleibt die ganze Nacht bei ihm und ordnet dannnach einigen Tagen an, daß Gustav in einem verschlossenen, mit Betten ausge-füllten Wagen den über 7 Meilen weiten Weg nach Haus zurückgelegt; „denn",sagt er zu ihm, „Sic werden sehr, und sehr lange krank bleiben!" Und dieswar in der That der Fall, bis gegen Ende des Jahres l830 lag Gustav anerschrecklichen Magen- und Darmschmerzen darnieder, so daß oft sein Stöhnenbis in weite Entfernung vom Krankenlager vernommen werden konnte. Währenddieser Zeit ließ sich der Sekretär Zimmermann nie bei seinem Principale sehen,kam nur alle Morgen zn dem Bedienten desselben geschlichen und frng: „wasmacht der Major?" Als auf diese übliche Frage einstmals der Bediente ant-wortet: „nun, diese Nacht ist es etwas besser gewesen", verräth er sich und er-widert darauf: „ah, der Major wird nicht wieder!" und ändert dann oft seinemorgendliche Frage in die: „nun, ist der Major noch nicht tot?"

Gustav's gute Natur überwand aber die schwere Vergiftung, und nachdemer sich wieder etwas gekräftigt fühlte, ließ er sich öfters aus der AmtsstubeAkten holen. Schon gleich im Anfange stößt ihm manches ans, was ihm nichtin Ordnung zu sein scheint, er läßt sich daher nach und nach immer mehr Aktenans das Bett kommen und findet denn zu seinem Schrecken die erstaunlichsten Dinge.Schließlich lassen ihm die schrecklichen Entdeckungen keine Ruhe, er läßt sich an-kleiden und hinauf auf das Amtszimmer führen. Schon bei Gustav's Er-scheinen merkt Zimmermann, was die Glocke geschlagen hat, fängt, als Gustavsagt, er wünsche Auskunft über dies und das, an am ganzen Körper zn zittern,spricht konfuses Zeug, und als dann Gustav zu ihm sagt: „nun, ich sehe, wiedie Sachen stehen, es bleibt mir nichts übrig, als Ihnen die Vollmacht gericht-lich abnehmen zu lassen, Gott sei Ihnen, Sünder, gnädig und barmherzig!"faßt er mit der linken Hand Gustav an der Brust und will mit der rechtenHand nach einem Gewehrschranke langen, in dem eine Anzahl stets geladenerJagdgewehre und Pistolen hing. Da hat denn Gustav noch so viel Kraft, daßer den Verbrecher von sich stößt, nach dem Fenster eilt und über den Schloßhofhinüber den Dreschern zuruft. Glücklicherweise rührt sich auch im Nebenzimmerdes Sekretärs Bedienter. Gustav geht nun wieder in das Parterre des Schlosseshinunter und schickt sofort zu seinem Vetter, dem Hauptmann Ernst v. Eber-stein, und bestimmt diesen, daß er sich in den Wagen setzt, nach Sangerhausenfährt und dem Jnguisitoriat persönlich Anzeige erstattet.