Der mythische und der geschichtliche Walt her 399
liehen Privilegien, an die Scholle gebunden, aber Herr über ein,wenn auch bescheidenes Dienstlehen, sich im Sinne der altengermanischen Standesbegriffe als ein Adliger fühlt, weil er mitseinem Arm, weil er mit Schild und Speer seinem Herrn undseiner Dame diente. In ihm lebt die altererbte Abneigung desdeutschen Junkers gegen Pergament und Schriftstellerei, ins-besondere gegen das minnigüche Tändeln mit weichen Gefühlen.Sein Epos soll ihm nur ja keiner für ein Buch halten. SeinenRitterberuf schätzt er höher als die wenigen Minneüeder, dieer selbst verfaßt hat. Er ist ein seßhafter Mensch. Er schlägtin Thüringen, nachdem er sich in der Welt umgesehen, fürLebenszeit Wurzel. Er ist in seiner gesellschaftlichen Stellungvollkommen fest, ein beatus possidens.
Walther, nachdem er vom Wiener Hof sich hatte lösenmüssen, war und blieb ein gesellschaftlich Fordernder. Immerbetrachtet er sich von Anfang an bis zuletzt als Lehrer wahrenhöfischen Wesens, echter Adelssitte. Er rechnet sich immer zuden Hoffähigen. Immer will seine Kunst adlig sein, immer denhöheren und höchsten Gesellschaftskreisen dienen. Er ist gleichWolfram ein Aristokrat.'
Aber er ist es auf eine ganz andere Weise.
Wolfram entwirft ein Ideal der ritterlichen Tüchtigkeit, derTreue, der Beherztheit, der unzerstückelten Einheit der tapferenPersönlichkeit. Auch die weiblichen Gestalten, die er in bunter,echter Lebensfülle und Lebenswahrheit vor Augen stellt, sindganze Wesen, aus einem Guß, ohne Bruch und ohne Falte,im Kern stark und gesund. Er ist eine männliche Natur, seinePoesie ein Abbild der Vita activa.
Walther stellt die Pflege der stilleren Tugenden in denVordergrund: die sanfteren Mächte der Schönheit, der geklärtenForm, der geläuterten Sitte, der Bildung des Herzens. Erpredigt das Ideal eines inneren Adels, der sich über den Ständenerhebt. Er sieht in der Frau die lachende Blume des Lebens,die Schmückerin und Lichtspenderin in dem Dunkel des vonHabsucht und Neid zerrissenen Daseins. Er zeichnet mitweicherem Stift, in leichterem Umriß, in fließenderen Farben.Er ist eine nervöse, eine weibliche Natur. Und er, dergroße politische Dichter des ungeheuren Weltkampfes, zeigtuns überall doch weniger das handelnde als das leidendeLeben.
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