ANTRITTSREDE IN DER BERLINER
AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN
3. JULI 1902.
SITZUNGSBERICHTE DER PREUSSISCHEN AKADEMIEDER WISSENSCHAFTEN 1902. S. 793—796.
Die Wissenschaft der deutschen Sprache entsprang imZeitalter der vaterländischen Wiedergeburt aus den Lebens-bächen der Romantik. Doch über romantische Vorurteile hin-weg zog sie bald aus nebelhafter Universalität ins Enge und er-warb genaue Beobachtung, Sinn für das Tatsächliche, unbe-fangenen geschichtlichen Blick. Dabei halfen die in der ver-jüngten klassischen Altertumswissenschaft erblühende kritisch-formale Philologie und die eben geborene vergleichende Sprach-forschung. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts stellte sich einedeutsche Philologie neben die älteren Schwestern, die klassischeund die orientalische.
Die letzten fünfzig Jahre haben dieser deutschen Philo-logie außer vielen einzelnen Erfolgen einen bedeutendstenFortschritt gebracht: die strengere Handhabung des kausal-genetischen Gesichtspunkts. Man lernte, viel schärfer alsJacob Grimm und seine Schüler vermocht hatten, die Wand-lungen der deutschen Sprache nach Ort und Zeit zu sondern,zu beschreiben, zu verfolgen und ihren physiologisch-psycho-logischen Ursachen nachzuspüren, und fing an, diese Unter-suchungen auszudehnen auf den gesamten Verlauf unsererSprachgeschichte, bis herab auf die Idiome der Schriftstellerdes 18. und 19. Jahrhunderts und den Sprachgebrauch derGegenwart. Man lernte zweitens auch die rein künstlerischeGestaltung der deutschen Sprache in der Literatur deutlicherals Lachmanns und Haupts zerstreute Observationen es ge-
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