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Literatur und Kunst des Mittelalters
Walther und Wolfram sind polare Naturen. Aber sie sindKinder derselben Zeit, derselben geistigen Atmosphäre. Überalle Gegensätze verbindet sie das künstlerisch Gemeinsame: diefrische, offene Hingabe an das Leben, die echte realistische Ge-staltungskraft, die Neigung zum Volkstümlichen und Natür-lichen, die Weltfreudigkeit, die Abkehr von Askese und Hierar-chie, die tiefe und menschlich freie Auffassung der Frauenliebeund der Religion. Und noch eins, was sie aus ihrer nationalenGebundenheit zu Führern und Lehrern der Menschheit erhebt.
In Wolframs epischen Gedichten ist der fanatische Haßgegen die Andersgläubigen überwunden. Christen und Heidenfinden sich in der neuen Weltkirche, die seine Kunst hervor-zaubert, in dem idealen Rittertum.
Walther hat Deutschland durchzogen vom Rhein bis zurElbe und bis zum Ungerland, von der Trave bis zur Mur, er hatdie romanische Welt bis zur Seine und bis zum Po kennengelernt. Wohl findet er Tugend und reine Minne allein in deut-schen Gauen, wohl weist er welsche Arglist heftig zurück, wohlist er stolz auf das deutsche Weltimperium und wacht eifer-süchtig über der Vorherrschaft des deutschen Kaisertums. Aberin seiner Seele leben die Gebote christlicher Humanität, diehinausreicht über einzelne Länder und Nationen. Er ist auf-geklärt, nicht freilich im Sinne der modernen Zeit, von der seinemittelalterliche Kirchlichkeit weit entfernt war, aber in derGesinnung seines großen Zeitgenossen, des Kaisers Friedrich IL:„Christen, Juden, Heiden", die ganze Menschheit ohne Schrankender Religion und des Stammes — so verkünden seine köstlichenWorte — „dienen dem Herrn alles Wunders, dem Herrn desLebens".
Das ist der edelste Ausdruck mittelalterlicher Toleranz imZeitalter der Kreuzzüge. Einer Toleranz, von der ein Stück auchin Wolframs Dichtungen lebt. Der ursprüngliche echte Kern desChristentums ist in ihr beschlossen. Die großen und herrlichenhellenischen Dichter des Altertums, haben sie sich zu solchweitem und tiefem Liebesbegriff der Menschheit erhoben?
Diese Toleranz, die uns Walther, der mittelalterlicheMensch, ins Herz ruft, ist west-östlich gleich der Goethes undtönt wie ein Vorklang seiner heiligen Lehre.