ÜBER DEUTSCHE ERZIEHUNG.
WIEDERABDRUCK DER BETRACHTUNGEN IM ANZEIGERFÜR DEUTSCHES ALTERTUM 1886 XII, S. 156—163 NEBSTEINEM NACHWORT UND AUSBLICK (ZEITSCHRIFT FÜRDEN DEUTSCHEN UNTERRICHT, 28. JAHRG. 1914, S. 657—678).
Man hat den Pädagogen oft mit einem Arzt verglichen,und der Vergleich hat seine Wahrheit. Beider Wirkenist mehr eine Kunst als eine Wissenschaft, bei jenem wie beidiesem liegt der Schwerpunkt seiner Tätigkeit in den vor-beugenden Maßregeln. Und wie es keine allgemein gültigeDiätetik gibt, so auch keine allgemein richtige Pädagogik: aufdie individuelle Konstitution kommt es dort, auf den Zustanddes Volkslebens hier an. Die Einrichtung der Schule kann dem-gemäß nie nach einer allezeit gleich bleibenden Norm, nacheinem unwandelbaren Ideal geregelt werden: wer das erstrebt,baut sein Haus in Wolken statt auf der Erde.
Die Schule muß sich vielmehr stets den jeweiligen Be-dürfnissen ihres Zeitalters anpassen, freilich nicht in dem Sinne,daß sie jedem unverständigen Begehren der praktischen oderwissenschaftlichen Agitation, jeder neuen, von Schreiern undStrebern in die Welt gesetzten Forderung, jeder durch Reklameverbreiteten Phrase nachgibt. Die wahren Bedürfnisse derNation auf dem Gebiet des Unterrichts lassen sich nicht findendurch Summierung aller von einzelnen erhobenen Ansprüche,d. h. im Grunde aller persönlichen Liebhabereien, und ver-fehlt ist es, weil eine Partei nach Mathematik verlangt, diese,weil eine andere größere naturwissenschaftliche Kenntnissewünscht, Physik und Chemie einzuführen, daneben auch nochden Verehrern der „neueren Sprachen" durch Verstärkung desfranzösischen und englischen Unterrichts, den Freunden der