Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

_

__Mmi

ÖESdJHiäHlTLiCHE WALTHER 1 ).

DEUTSCHE RUNDSCHAU, 29. JAHRG. (1902), OKTOBERS. 3865, NO VEMBER S. 237256.

I.

Wer einmal in der alten, an Wein und an Gästen reichenStadt Bozen auf dem geräumigen Markte gestanden und inden tiefblauen Himmel geschaut hat, dem sind die Augen gewißimmer wieder angezogen worden von dem weißen Marmorbildin der Mitte, das auf schmalem Sockel fast überzierlich einenjugendlichen Mann in der ritterlichen Tracht des Mittelalterszeigt. Scheint es doch, als ob alles Licht, das in dem weitge-öffneten Bozener Talboden wie in einem ungeheuren sonnigenRebengarten flimmert, über diese schmiegsame Gestalt zu-sammenströme, um sie mit blendendem Glanz von dem Firma-ment abzuheben, das als eine riesige, azurfarbene Glocke sichdarüber wölbt.

Das ist Herr Walther von der Vogelweide, der fröh-liche Sänger der Frauenschönheit und Frauenliebe, der tapfereStreiter für Kaiser und Reich, der Lobredner deutscher Ehre,deutscher Sitte und Tüchtigkeit, dem dort an der Südgrenzedeutscher Sprache die Liebe seiner Stammesgenossen ausDeutschland und Österreich ein Denkmal errichtet hat.

J ) Nachstehende Betrachtungen sind, stark verkürzt, am 21. Febr.1901 als Vortrag zum Besten des Frauenvereins in Halle gesprochenworden. Ein paar kleine Zusätze stammten aus späterer Zeit. Die Ge-sichtspunkte, aus denen hier Dichtung und Leben Walthers angeschautwerden, begründet'und führt im einzelnen durch meine Biographie:'Walther von der Vogerweide. Philologische und historische Forschungen'(Leipzig, Duncker & Humblot), deren erster Teil im Sommer 1900erschien.