Der mythische und der geschichtliche Walther 397
aufs verwerflichste sein Gefühl irreführen und mißbrauchen,um ihm sein Geld abzujagen, die dabei selbst vor gauklerischerVerwendung des kirchlichen Bußapparats sich nicht scheuen,verweist Gottfried den genialischen Künder der Gralswunder.Er schätzt ihn damit viel feindseliger, viel niedriger ein, als wenner ihn bloß mit Taschenspielern verglichen hätte, deren Kunst-stücke ja auf ehrliche Art täuschen, die weder Betrüger nochDiebe zu sein brauchen und die vor allem nur auf die äußerenSinne, nicht auch auf die Seelen einwirken. Er stößt seinengroßen Antipoden hinab in eine Kaste, die gewissermaßen nochzu den Dichtern gehört, aber zugleich ihren Abschaum bildet,da sie die phantasievolle Erfindung, das Haupt- und Grund-werkzeug aller Poesie, im Dienste des schmutzigen, betrüge-rischen Gelderwerbes schändet. Man beachte wohl: es handeltsich hier nicht um ein blödes Beschimpfen. Die wirklichen Eigen-heiten der Kunst Wolframs sind scharf erfaßt und mit bös-williger, grenzenloser Übertreibung entstellend beleuchtet. Gott-frieds Zerrspiegel gibt die Seitensprünge und Abwege in Wolf-rams epischer Darstellungsart wieder als die ungesetzlichenSchliche und krummen Wege vagabundierender Beutel-schneider; seinen Trieb zum Dunkeln, Bätselhaften, Fremd-artigen, Überraschenden als obskurantischen Betrug, als Kniffeeines abgefeimten Hochstaplers; seinen Adlersflug zu den Höhender Menschheit, zu den Mysterien der Beligion und der Sittlich-keit, seine Verherrlichung des Heroismus der inneren Be-ständigkeit und des Heroismus der Entsagung als schlaueSpekulation auf die Wundersucht der Menge, auf ihre gemeinenInstinkte, auf ihren Geschmack am Krassen, Ungeheuerlichen,Grellfarbigen, als berechnende Fälschung und Aufschneiderei;seine drastische Ausdrucksweise, seine dem Volksepos und derSpielmannstechnik nahe bleibende lebendige Natürlichkeit desStils und des Wortschatzes als plebejische Manier, als die pöbel-hafte Vortragskunst jener armseligen Bänkelsänger, die zu rohenJahrmarktsbildern, mit Stäben deutend, ihre Verslein gröhlen.Der Straßburger Dichter hat in den Wünschen und Leidenverlangender Herzen die Dämonen des menschlichen Schicksalserkannt: er ist bekanntlich ein Mirakelspötter. Was konnteihm jene großartige Weltdichtung gelten, die in einen sonnigen,vielgestaltigen, buntschillernden Mikrokosmos voller und starkerMenschheitsexistenz durch allen Kampf und alle Lebens- und
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