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Literatur und Kunst des Mittelalters
Antwort auf das boshafte Hasenbild, des Straßburger Kollegen.Aber was bedeuten die weiteren Bilder Gottfrieds?
Wolfram soll Leuten gleichstehen, „die mit den Kettenlügen und stumpfe Seelen betrügen, die wertlose Sachen denKindern für Gold abgeben und aus ihrer scheinbaren Kleinodien-büchse falsche Perlen, die aus Staub hergestellt sind, ausschütten.Man hat geraten, Taschenspieler und ihre Kunsttsücke seienhier genannt. Gewiß nicht. Gottfried sucht, um die unsym-pathische Manier Wolframs zu bezeichnen, Analogien für dasAbenteuerliche, Gesetzlose, Betrügerische, das er darin findet.Einen „Wilddieb der Märe" nennt er ihn sonst noch zweimal.Und hier vergleicht er ihn — man hat das bisher immer verkannt
— mit Gaunern und lügenden, vorspiegelnden Bettlern.
Rotwelsche Quellen des 14. und 15. Jahrhunderts ver-merken unter den verschiedenen Gaunerklassen eine, die ihrGewerbe auf ganz seltsame Art betreibt: die Vertreter dieserSpezialität behaupten, in der Notwehr jemanden erstochen zuhaben und zeigen die Ketten, mit denen sie infolgedessen —nach mittelalterlicher Kirchenbuße — geschlossen blieben,bis sie eine bestimmte, ihnen zum Loskauf auferlegte Straf-summe zusammengebracht hätten, die sie dann vor den Leicht-gläubigen erbettelten; andere — sie hießen im Rotwelsch Fopper
— lassen sich — wie Büßende — an eisernen Ketten führen,gebärden sich, als ob sie rasend seien und reißen sich die Kleiderund Schleier vom Leibe, um die Leute zu rühren und ihnen Geldabzunehmen, indem sie etwa in der Ekstase wahrsagen; zuihnen gesellen sich die Blinden, die gemalte Tafeln vor denKirchen herumtragen und greuliche Lügen auftischen von an-geblichen Pilgerfahrten nach Rom oder St. Jago diCompostella*).
In dieser Sphäre schwindelnder Landstreicher, abenteuern-der Spitzbuben, geschmackloser Jahrmarktssänger, die durchplumpe Täuschungen und Lügen das Publikum an sich locken,
*) Diese Kettenträger erscheinen, wie ich wohl zuerstgesehen habe, neben den falschen Blinden und allen andernBeutelschneidern auch in dem farbig bewegten Bilde, das Langlands'Piers plowman' von den schwindelnden Landstreichern in Englandentwirft: s. darüber mein (noch nicht veröffentlichtes) Buch 'DerDichter des Ackermann aus Böhmen und seine Zeit' (Vom Mittel-alter zur Reformation III, 2), S. 1781 Anm. 3 (wo auch weitereNachweise der rotwelschen Texte).