Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
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D er my thische und der geschichtliche Walther 395

mag er Bozen selbst niemals betreten haben: den Bozener "Wein,den wir heute so gern schlürfen, hat auch er gekannt und ge-würdigt. Und mancher wackere Tourist, der heute, wenn er inBozen rastet, vom Glase Roten ziemlich teilnahmslos aufblicktzu dem stillen, weißen Ritter und Sänger, der aus dem Dunkelder Nacht ihm entgegenleuchtet, würde sich angenehm gerührtfühlen, hörte er, daß der wirkliche Walther gleich ihm es für einunerträgliches Übel erachtet hat, den Durst einer vom Wandernverstaubten Kehle, statt mit Bozener Wein, mit Wasser be-kämpfen zu müssen.

In Wolframs unermüdliches Plänkeln mit Walther ver-flocht sich, wie bereits hervortrat, auch die Polemik wider seinengroßen epischen Rivalen Gottfried von Straßburg. Und in derTat, Walther und Gottfried ihrerseits trafen zusammen in einemverwandten Gefühl des Widerspruches der Art Wolframs gegen-über.

Die berühmte Karikatur des Wolframschen Stils in demliterarhistorischen Exkurs des Tristan scheint mir noch niemalsrichtig gedeutet worden zu sein. Gottfried geißelt die bizarreManier des Parzivaldichters, das liegt ja freilich auf der Hand.Aber auf welchen Vorwurf zielen die einzelnen Bilder, in die sichdiese Kritik kleidet ? Zunächst hätten die Ausleger niemals ver-gessen sollen: der unvergleichliche Wortkolorist, wenn er demstürmischen Genie Wolframs dort das Lorbeerreis abspricht,kann die sein Urteil begründenden Vergleiche unmöglich erstdurch eine Anleihe aus dem Prolog des Parzival gewonnen haben.Gottfried schöpfte vielmehr aus zusammenhängender Lektüreund Kenntnis des Werkes, aus dem Totaleindruck größererAbschnitte des Epos selbst, und jener Prolog des Parzival ist,ganz oder doch sicher zu einem beträchtlichen Teil, der vorherschon in einzelnen Büchern oder Gruppen von Büchern ver-öffentlichten Dichtung erst bei der späteren Gesamtausgabe,nach unseren Begriffen als eine polemisch-apologetische Vor-rede des Autors, als oratio pro domo, vorgesetzt worden. Derhochsprüngige Hase", dies Bild für Wolframs epischen Stil,rührt also aus Gottfrieds eigener Erfindung her. Wenn der Ein-gang des Parzival ironisch erklärt, das die Idee der ganzenDichtung aussprechende Anfangsgleichnis vom Weißen, Schwar-zen und Elsterfarbenen werde vor dem Sinn der törichten Leser,,herumtaumeln wie ein aufgescheuchter Hase", so ist das die

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