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Literatur und Kunst des Mittelalters
stehen eben nicht die Anspielung, auf welcher der Witz beruht.Das thüringische Hofpublikum verstand sie aber sehr wohl.Denn sie kannte das Lied Walthers, welches hiervon Wolframparodiert wird.
„Ich habe der Geliebten" — so hatte Walther gesungen —„durch mein Lob in meinen Liedern es bereitet, daß sie in allerWelt gerühmt wird, überall da nämlich, wo man meine Lieder,die ihr Lob enthalten, nachsingt. Trotzdem höhnt sie mich.Frau Minne! das sei Euch getan." Statt also selbst Mannsund Ritter genug zu sein — interpretiert Wolfram — sich gegenerlittene Unbill allein zu wehren, ruft der Minnesänger wie einBauer seinen Herrn, die Frau Minne, zur Hilfe und zur Sühneder empfangenen Beleidigung herbei. Wolfram nimmt daspoetische Bild — das ist der Witz — ganz eigentlich, ernsthaftund zieht daraus die juristisch-sozialen Konsequenzen, dieWalthers Äußerung als unschicklich und lächerlich erscheinenlassen.
Wolfram, der Ritter des'thüringer Hofes, nennt den süd-deutschen Hofminnesänger Walther einen unwehrhaften Bauer.Walther umgekehrt charakterisiert die Ritter dieser thüringerHofgesellschaft: jeder von ihnen könnte recht gut ein 'Kämpe',ein Haudegen, ein Raufbold, ein Söldner sein. Und wiederumWolfram rühmt sich unter allerlei Polemik gegen die Wort-künste der Minnesänger, mit Schild und Speer als 'ein Kämpe'des Lobes edler Frauen auftreten zu wollen. Niemand wirdleugnen, daß zwischen all dem kontinuierliche Beziehungenwalten. Zuerst hat sich wohl Wolfram an Walthers Lied, das dieMinne zu Hilfe rief, gerieben. Dann diente ihm Walther inseinem Spruch über die wilde Ritterschaft auf der Wartburg,und Wolfram zahlt das unter weitergehenden Angriffen gegenden Minnesang in der eingeschobenen Selbstverteidigung heim.
Diese Spöttereien waren natürhch nicht schlimm gemeint.Aber eine kleine Dosis Bosheit und Geringschätzung. stecktenamentlich auf Seite Wolframs doch darin. Wolfram ironisiertedie Auffassung, die im Minnesang herrschte, wonach der Liebendeals Sklave der Minne und als blinder Verehrer aller Damen er-scheint: die Überschwenglichkeit der minniglichen Galanterie,des lyrischen Frauenkultes will er treffen. Und es liegt nochmehr darin: der Minnesänger, der sich mit Versen wehrt undnährt, nicht gleich Wolfram Schildesamt übt, wird als nicht