Der mythische und der geschichtliche Walther 387
Osterschönheit der spröden Dame Reinmars, des Sängers derewig unglücklichen Liebe. Reinmar hatte dann, seinerseitsdarauf wieder anspielend, erwidert. Es war eine Disputationder Minnescholastik, wie sie in verwandten, raffinierteren Er-scheinungen der provenzalischen Troubadour-Streitgedichte ihrVorbild hatte. Wolfram wirft die Huldigung des einen wie desanderen als lahm beiseite: das echte Würfelspiel der Minne bietedoch nur die Ritterschaft, die mit Speer und Schild densüßesten Sold erwerben will.
Und als Einleitung zu dieser geringschätzigen Ablehnungdes theoretischen Frauendienstes der Minnesänger schickt er dieWorte voraus: „Mit Unrecht hat man mich getadelt, daß ichnicht vor allen Frauen der ritterlichen Gesellschaft auf denKnien liege, wie die Minnesänger in ihren Liedern, daß ich dieFrauen vielmehr nach ihrem Werte scheide; jede Frau voninnerer Reinheit soll mich zum Kämpen (kempfe) ihres Lobeshaben."
Zwischen diesem emphatischen Gebrauch des Worts 'Kämpe'und der spottenden Verwendung desselben in Walthers Scherz-spruch über die Thüringer Haudegen muß ein Zusammenhangbestehen. Wer aber von den beiden hat hier die Häkelei an-gefangen: Walther oder Wolfram?
Jedesfalls hat das Geplänkel schon früher seinen Ursprunggenommen. Bereits das 6. Buch des Parzival, das älter sein wirdals jene eingeschobene Vorrede zwischen dem zweiten unddritten Buch, enthält einen Reflex davon.
Man kennt die berühmte Szene, wo Parzival vor drei Bluts-tropfen im Schnee in sehnsüchtige Liebesgedanken an seineverlassene Gemahlin versinkt und selbst durch die Schläge desvorwitzigen Keie nicht aus seiner Verzauberung geweckt wird.Da unterbricht Wolfram seine Erzählung durch einen neckischenSeitensprung gegen die Frau Minne. „Frau Minne! seht Euchnur vor: man wird Euch daraus einen Vorwurf machen: einBauer wenigstens — d. h. einer, der nicht gewohnt und nichtberechtigt ist, erlittenen Schimpf sofort mit den Waffen zuvergelten, ein Nicht-Ritter — spräche hier gewiß gleich: 'MeinemHerrn sei das getan'", d. h. als unfreier und unritterlicher Mannschlägt er nicht gleich selbst zu, sondern fordert rechtliche Ver-tretung und Verfolgung der Beleidigung von seinem Herrn. Selt-sam gesucht und frostig mutet uns diese Wendung an. Wir ver-
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