Der mythische und der geschichtliche Walt her 385
von Halberstadt poetische Übertragung der Metamorphosen desOvid ihre Entstehung. Wir müssen also annehmen: in den zweiJahrzehnten seit Heinrichs von Veldeke erster Wirkung hattedas literarische Leben des Südens und Südostens sich selb-ständig zu einer Höhe entwickelt, von der aus die epische Kunstdes Niederländers und seiner Schule, zu der in gewissem Sinnauch sein Bewunderer Wolfram gerechnet werden muß, als eineüberwundene Niederung erscheinen konnte. Der ElsässerReinmar und der Schwabe Hartmann von Aue hattendieses rasche Aufsteigen herbeigeführt. Als ihr Schüler sprichtWalther, wern er sich im Jahre 1198 herausnimmt, über dasThüringer Hofpublikum die Nase zu rümpfen. Doch vergesseman nicht: bei den meisten üterarischen Fehden, die sich aufdem Boden Teutschlands abgespielt haben, wirkte die instinktiveblinde, grundlose landschaftliche Eifersüchtelei, spielten diealten Stammesgegensätze mit.
Indessen: hinter Walthers Spott steckt mehr als solch einlandschaftlicher Gegensatz. Die thüringische Hofgesellschaftcharakterisiert er nicht bloß als laut und roh, als Raufbolde undSchlemmer. Nicht bloß Abweichungen der Lebensgewohnheitenund die fremde Landessitte bemäkelt er. Auch kann es nichtseine Meinung gewesen sein, die heimatliche Hofdichtung einfachals die kunstvollere und talentvollere deshalb über die thü-ringische erheben zu wollen, weil sie ihm eben die vertrauterewar. Er charakterisiert diese thüringischen Ritter mit einemBeiwort, das ein bestimmtes literarisches Urteil ausspricht:er nennt sie stolze helde. Das war eine Lieblingsformel in dervolkstümlichen Epik, im Nibelungenlied, aber auch in den Ge-dichten Wolframs. Hingegen die gewählte höfische DichtungOberdeutschlands vermied sie: für ihr Stilgefühl hatte der ver-brauchte und darum sinkende Ausdruck schon einen etwasgeringschätzigen Sinn bekommen.
Indem Walther diesen altfränkischen, nicht mehr elegantenAusdruck so nachdrucksvoll, mit komischer Emphase, in seineBeschreibung der Thüringer Hofgesellschaft hineinwirft, stichelter auf einen literarischen Gegensatz: einen Gegensatz desoberdeutschen und mitteldeutschen Kunststiles, der ober- undmitteldeutschen Dichtersprache.
Aber er geht noch weiter. Er stellt diese ,,stolzen Helden"aus Thüringerland gar mit den gewerbsmäßigen Haudegen, den
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Burdaeh, Vorspiel.
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