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Literatur and Kunst des Mittelalters
bereits seine Treue wieder wankte und sein Abfall von Philippsich vorbereitete, da es galt, durch neue Opfer den Wankendenfestzuhalten? Wir können leider auch nicht erraten, wann, inwelchem Moment dieser wechselnden politischen KonstellationWalther seinen ersten Abstecher auf die Wartburg gemacht hat.Auch die eigentliche Tendenz des Scherzes entzieht sich unserersicheren Erkenntnis. Sollte die Hyperbel von dem wilden Treibenam Thüringer Hof ausdrücken: dieser zügellose Verschwenderist nicht zu befriedigen; er ist nicht zu erkaufen mit erschwing-baren Beträgen ? Oder vielmehr: um diesen Fürsten zu gewinnen,dessen Freigebigkeit alle Grenzen überschreitet, sollte Philippsein knauserndes Spenden, seine zögernde und halb wider-willige Art zu schenken vertauschen mit der großartigen Opfer-fähigkeit eines Saladin, eines Richard Löwenherz? Im erstenFall spräche Walther vom Standpunkt Philipps mit einer Spitzegegen den Landgrafen, im zweiten Fall umgekehrt.
Wie dem auch sei: man empfindet in den neckenden VersenWalthers, daß das Leben an dem mitteldeutschen Hofe seinemIdeal höfischer Sitte oder genauer: dem seiner oberdeutschenHörer nicht voll entsprach. Aber ich möchte es für möglichhalten, noch genauer zu bestimmen, wogegen sich eigentlichdiese Kritik richtete, warum Walther sich auf der Wartburgzunächst so unbehaglich fühlte und was es eigentlich ist, worüberer sich nachträglich — am Hofe Philipps—moquierte. Er scheintsich als Oberdeutscher, als Schüler des österreichischen Hof-minnesängers Reinmar im Besitz einer überlegenen älterenKultur gefühlt und deshalb auf den Thüringer Hof herab-gesehen zu haben.
Das ist auffallend genug. Denn an diesem Thüringer Hofhatte doch zuerst, vor nicht langer Zeit, die neue höfische Roman-dichtung nach französischem Muster das entwickelte Ideal desmodernsten und elegantesten Rittertums aufgestellt, von dorthatte die 'Eneide' des Mastricher Heinrich von Veldeke alserstes Beispiel edler Erzähl- und Formkunst ihren Siegeszugdurch Deutschland begonnen. Der Herr der Wartburg, denWalther als Becherfüller „stolzer Helden" vorführt, hat dannselbst auch andere deutsche Dichter angeregt und in die Lageversetzt, der durch den Niederländer gebrochenen Bahn zufolgen: ihm verdankt Herborts von Fritzlar Nachdichtung desfranzösischen Trojaromans von Benoit de S. More, ihm Albrechts