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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

I

eines lustigen und geschmückten Daseins, ist in einer wankel-mütigen und habgierigen Zeit der Wankelmütigste und Hab-gierigste.

Walther hat sich wiederholt kürzere und längere Zeit amHof des Landgrafen aufgehalten. Ja, er hat eine Weile förmlichzu seinem Hofgesinde gehört. Wie er am Hofe des Mark-grafen Dietrich von Meißen noch den größten mittelalterlichenMinnesänger Heinrich von Morungen aus der Gegend vonSangerhausen kennen gelernt hat, so hat er Jahre hindurch aufder Wartburg bei Eisenach mit dem größten deutschen Epikerzusammengelebt, mit demjenigen, der ihm die Krone des Geniesstreitig macht: Wolfram von Eschenbach.

Es hat einen bestrickenden Reiz, sich dies Nebeneinanderder beiden Großen in konkreten Zügen vorzustellen. Auch hierist natürlich die mythenbildende Phantasie des Forschers undder Halbgelehrten geschäftig am Werk gewesen. Man hat sichdas Bild eines künstlerischen, wechselseitigen Einflusses aus-gemalt. Das widerspricht der geschichtlichen Wahrheit. Waltherhat ein Tagelied in Wolframs Manier gedichtet und sonst ge-legentlich vielleicht von ihm gelernt. Das ist alles. Im übrigenhaben sich der in Thüringen eingewurzelte Nordgauische BayerWolfram und der in Österreich gereifte Walther mit Anerkennung,aber doch mit dem Gefühl eines gewissen literarischen undsozialen Gegensatzes gegenübergestanden, das sich nach demTon damaliger höfischer Geselligkeit in scherzhafte Formenkleidete.

Walthers erster Abstecher nach Thüringen, vom HofePhilipps aus mißglückte. Das Ergebnis ist ein ziemlich gereizterSpruch, der sich über das wüste Treiben auf der Wartburg be-klagt.Wer an den Ohren leidet, gehe nicht dorthin, er verliertsonst den Verßtand. Ich habe mich in den Trubel gestürzt undmitgemacht, bis ich nicht mehr konnte. Es geht da zu wie imTaubenschlag, Tag und Nacht: Gäste ziehen ein, Gäste ziehendavon. Ein Wunder, daß dort überhaupt noch jemand seinGehör hat. Der Landgraf ist so gesonnen, daß er Geld und Gutmit trutzigen Recken (stolzen helden) durchbringt, von denenjeder wohl ein Fechter (kempfe) heißen könnte. Ich kenne seingroßartiges Wesen wohl: kostete ein Fuder Weins auch eineMillion (im Original: ttisent pfunt), so ließe er doch niemals einesRitters Becher leer stehen."