Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
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381
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Der mythische und der geschichtliche Walther 381

als der Weife. So wechselte er den Herrn. Aber er blieb im Dienstdes Reiches: er blieb der Herold des Kaisergedankens, der deut-schen Größe, der Selbständigkeit der deutschen Kirche, derUnabhängigkeit des Laienrechtes.

IV.

Auf dem Hauptschauplatz der politischenDichtung Walthers,da, wo sein Reichsdienst wurzelte, wo sein Minnesang entsprossenwar, an den Höfen der drei deutschen Könige und der südost-deutschen Reichsfürsten in Österreich, Kärnten und Aquileia(Cividale) hat es Walther an literarischen Widersachern nichtgefehlt. Politische, soziale und nationale Gegnerschaft erwuchsihminseinemBewundererTommasinodeiCerchiari. KünstlerischeGründe sind es, die ihn gegen die verstiegene Gedankenlyrikseines Lehrers Reinmar, wider die parodistisch-burleske Hof-poesie Neidharts von Reuenthal zu kämpfen zwangen. Undungezählt war die Schar niederer Spielleute und Hofdichter,die ihm teils aus Brotneid, teils aus dichterischer Unfähigkeitdort in den Weg traten. Allein unvergleichlich anziehender undlehrreicher ist es, aufzuklären, welche Rolle Walther auf demzweiten Schauplatz seines Lebens, im mittleren Deutsch-land, an den Höfen des Landgrafen Hermann von Thüringenund dessen Schwiegervaters, des Markgrafen Dietrich vonMeißen, gespielt hat, dort, wo sich um die Wende des 12. und13. Jahrhunderts die hervorragendsten Dichter des deutschenMittelalters zu einem Kranze vereint hatten, dessen ErinnerungSage, Lied und Kunst bis auf den heutigen Tag festhalten. Wasgalt Walther dort im Kreise der Gesellschaft und der eben-bürtigen Rivalen?

In dieser thüringisch-meißnischen Welt wehte eine andereLuft als am Königshof, als an den oberdeutschen, reichstreugesinnten Fürstenhöfen. Durch persönliche Bande, durchpolitische Tradition, durch wirtschaftliche Interessen gravitiertedies Gebiet nach Nordwesten, nach dem Zentrum der weifisch-niederrheinischen Sphäre. Hier gedieh niemals so recht derReichsgedanke, hier blühte wie nirgends der nackte Egoismusder nach territorialer Ausdehnung und Selbständigkeit trachten-den Fürstenpolitik. Landgraf Hermann, der Schirmherr sovieler großer und kleiner Dichtertalente, der hochgemute Freund