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Literatur und Kunst des Mittelalter s
absieht — der größte politische Gelegenheitsdichter. Er waraber niemals der Leiter oder Schöpfer der politischen Bewegung.Er hat immer der Stimmung des Moments, eines bestimmtenPublikums, bestimmter Gönner und Freunde das lösende Wortgeliehen. Er hat wechselnde Fahrt gehabt. Aber er hat immerauf ein Ziel gesteuert. Er hörte die Stimmen des nationalenGewissens seiner Zeit und ließ sie in seinen Gedichten reden.Den Dienst der Personen hat er öfter getauscht; die von An-beginn seiner Laufbahn vertretene Sache des Kaisertums hater niemals verleugnet. Um materiellen Vorteils willen hat er dieunverlöschbaren Gebote der inneren Wahrhaftigkeit nie verletzt.
Allerdings hat man das Lob, das er bei der Heimkehr KaiserOttos aus Italien vor diesem nach der Beschwichtigung desdrohenden Fürstenaufstandes der Treue des Markgrafen Dietrichvon Meißen spendete, für bewußte Lüge erklärt: Dietrich habedamals bereits teilgenommen an der Verschwörung gegen denKaiser, und Walther habe gegen besseres Wissen ihn als einenEngel an Treue hingestellt. Vor kurzem ist indessen nach-gewiesen worden, daß die ganze Nachricht von Dietrichs Teil-nahme an jener Fürsten Verschwörung auf einer Verwechselungberuht: Dietrich konnte damals durchaus noch als Anhängerdes Kaisers gelten.
Aber freilich, Walther war ein Dichter, kein Politiker.Phantasie und heißes Temperament haben die Dinge vor seinenBlicken oft verschoben, sein Urteil getrübt, seine Worte überMaß und Besonnenheit, über die Gerechtigkeit hinausgedrängt.
Ein Dichter, aber kein moderner Dichter, wie wir sahen.Wer im Mittelalter Dichten zu seinem Beruf machte, leistetedamit nur eine bestimmte Art von Dienst. Auch ihm mußtedie Stellung eines dauernden Ministerialitätsverhältnisses Lohnund Ziel sein. Die Grundlage eines solchen war das Lehengut.Solange Walther dieses nicht errang, war er mittelalterlicherRechtsanschauung, und Moral zufolge an seinen Herrn nichtgebunden, durfte er ihm den Dienst kündigen. Ohne Treubruchzu begehen, durfte er sich somit von Philipp und Otto lösen.Aber er hat Ottos Fahne noch aufrecht gehalten, als bereits fastalle seine Anhänger ihn verlassen hatten und zu dem jungenStaufer übergegangen waren. Als letzter beinahe folgte auchWalther ihrem Beispiel und schloß sich dem Manne an, der ihm,dem Süddeutschen, von vornherein sympathischer sein mußte