Der mythische und der geschichtliche Walther 375
Italien, wo er die Reichsgewalt auch in Gebieten des sogenanntenpäpstlichen Patrimoniums rücksichtslos herstellt. Nun stimmtaber der Gedanke dieser Briefstelle höchst auffallend zu demVorwurf, den Walther gegen den Papst schleudert, nachdem erseinen früheren Günstling Otto gebannt hatte. Das Bild vomBogen im Brief Wolfgers bei Boncompagno knüpft wörtlich anein vom Papst selbst gebrauchtes Bild an. Dann wird ihmhöhnisch seine Inkonsequenz, sein Widerspruch gegen sichselbst vor Augen gerückt: nur auf seinen Befehl habe man OttoTreue geschworen, die er jetzt zu brechen befehle. Genau ebensoerinnert auch Walthers Spruch den Papst, daß er die Treue fürOtto erst geboten, daß er gesegnet habe, die er nun verfluche.
Indessen der Patriarch von Aquileia mochte so denken, wiesein italienischer Günstüng Boncompagno und sein deutscherGünstling Walther es aussprachen; öffentlich bekennen durfteer sich nicht zu solchen Gedanken. Als Otto mit seinem Angriffgegen das von der Kurie abhängige Königreich Sizilien desjungen Staufers Friedrich den eben eidlich geschaffenen Rechts-boden verlassen und unabsehbare Verwicklungen heraufbe-schworen hatte, zog sich Wolfger von jeder unmittelbaren sicht-baren Teilnahme an den Reichsgeschäften zurück. Aus derFerne nur begleitete er jetzt die Schritte des Kaisers mit freund-schaftlichem Rat. Auch die päpstliche Bannbulle, die alle Helferund Begünstiger des Exkommunizierten selbst mit Amts-entsetzung und Exkommunikation bedrohte, hat ihn darinnicht beirrt.
Walther dagegen harrte in der öffentlichen Vertretung derPolitik des Kaisers aus trotz allem. Ja, je bedenklicher die Lage,je anfechtbarer der Rechtsstandpunkt seines Herrn wurde, destohitziger flammten die Anklagen des Dichters gegen Papst undKurie empor. Sie erreichen ihren Höhepunkt in der Heptadevon Sprüchen aus dem Frühjahr 1213.
Der Papst verfälsche die wahre apostolische Lehre. Widergöttliches Gebot reiße er das sogenannte Schlüsselrecht an sich,d. h. die Macht auf Erden und im Himmel zu lösen und zubinden, das doch allen Aposteln, nicht bloß Petrus, und derGesamtheit ihrer Nachfolger, den Bischöfen, gebühre.Vom Teufel, mit dem er einen Pakt geschlossen habe, wie einstSimon Magus und der päpstliche Zauberer Gerbert-Sibvester,besitze er ein schwarzes Buch, mit dem er seine Nigromantik