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Literatur und Kunst des Mittelalters
treibe. Aus diesem Buch gewinnt er seine Angelruten aus Rohr(siniu rör), durch die er Bischöfe und Reichsäbte fängt, seinerInterpretation des Schlüsselrechts, dem Dogma von der ,,Fülleder Gewalt", zuzustimmen. Hieraus fließen seine sündhaftenEinnahmen. Gemeint sind die Briefe, welche Pfründen undDispense verleihen, Ablaßhandel und Kirchensteuern privi-legieren*). Und das schwarze Buch ist das von Innocenz zuerstals offiziell verbindlich eingeführte Register der päpst-lichen Dekretale n. Mit seinen Kardinälen, den bevor-zugten Bischöfen, baut er von den durch schwarze Kunst er-worbenen Geldern prächtige Chordecken, die glänzende Mosaikenschmücken, für die römischen Basiliken, während der alteFronaltar der deutschen Kirche ohne Dach bleibt, dem Regenausgesetzt. Die ausgesogenen dummen Deutschen fasten, indessender arglistige Papst sie verhöhnt und mit seinen welschenPfaffen die Kreuzzugsteuern für Hühner und Wein verpraßt.Wer denkt dabei nicht an Luthers furchtbare Gewitterrede,der Papst sei der Antichrist? Gleichwohl wachsen WalthersAnklagen aus einem anderen Boden. Seine sieben Sprüche gegendie päpstliche Universalherrschaft sind ein Protest gegen diebevorstehenden Beschlüsse des vierten LateranischenKonzils, und zwar ein Protest vom Boden der deutschenEpiskopalkirche. Wenn er die deutschen Bischöfe undÄbte vor den Netzen und Angelrohren des Papstes warnt, sowendet er sich an diejenigen deutschen Bischöfe, die gegen diedamals eben erstaufsteigende Macht des Kardinalkollegiumsund den römischen Kurialismus, gegen die Ausschaltung derbischöflichen Gewalt aus dem hierarchischen System, gegen dieabsolute Souveränität des Papstes sich noch auflehnten. WalthersSpruchzyklus wider das Lateranische Konzil ist ein geschicht-liches Zeugnis ersten Ranges für dieses Aufflackern des mittel-alterlichen Episkopalismus, der dann noch einmal im 15. Jahr-hundert auf den großen Konzilien vergeblich angefacht wordenist. Die Historiker sollten diese publizistische Kundgebung,welche die damaligen Kämpfe hell beleuchtet, ihrer Aufmerksam-keit nicht entgehen lassen.
*) Das "Wort rör braucht Walther hier mit überaus boshaftemWitz in wortspielendem Doppelsinn: es weist zugleich hin auf dieRollenform der urkundlichen Ausfertigung jener päpstlichen Bene-fizien (Schenkungen und Verleihungen), der sogenannten rotuli.