Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
373
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Der mythische und der geschichtliche Walther 373

politischen Grundvoraussetzungen. Eben jener Spruch, der denfrommen Klausner aufruft als Richter über den Krieg zwischenPfaffen und Laien, ist die populäre, dichterische Paraphrase desgleichzeitigen amtlichen Protestes Philipps und seiner Anhängergegen die Einmischung des Papstes in die deutsche Königs-wahl,gegen seine Bestätigung des Weifen Otto und die Bannung desstaufischen Königs und seiner Partei. Dieses Aktenstück hatWolfger mit unterzeichnet, er hat seinen Inhalt entscheidendmitbestimmt, mag auch die Formulierung einer anderenschärferen Feder der Reichskanzlei entstammen. BischofKonrad von Hildesheim und Würzburg, der Reichskanzler,stand damals bereits heimlich im Lager der Gegner.

Es ist eine merkwürdige Fügung, daß dieses Manifest, einesder bedeutungsvollsten Dokumente für den Widerstand desmittelalterlichen Staatsrechts gegen die Eingriffe der römischenKurie, seine amtliche Ausfertigung in Halle erfahren hat:auf derselben Stelle, wo im Zeitalter der Reformation jenerWiderstand mit neuen Waffen durchgefochten wurde. Wem esFreude macht, sich vorzustellen, daß Walther fast genau vor700 Jahren, im Januar 1202, leibhaft in dieser Stadt, auf deralten Burg an der Saale im Gefolge Philipps von Schwabengeweilt hat, der kann es tun im Einklang mit der geschichtlichenWahrscheinlichkeit, denn diese spricht dafür, daß Waltherdamals den Hof Philipps noch nicht verlassen hatte.

Philipps Aufenthalt in Halle hing vermutlich zusammenmit den Feldzügen gegen Dänemark. Walther gibt in einemspäteren trübseligen Überblick über düstere Welterfahrungenals nördlichste Grenze seiner Wanderungen die Trave an. Daer dorthin, auf den Schauplatz der dänischen Wirren, nurzwischen 1199 und 1202 gekommen sein kann, empfiehlt es sich,diesen Besuch zu verknüpfen mit Philipps Verweilen in Halle.

Kurz vorher, nach der Beschlußfassung über den genanntenProtest auf dem Bamberger Hoftag, im Dezember des Jahres1201, hatte Walther am Hof Philipps scharfe Anklagen ausge-sprochen gegen die willkürliche Entscheidung der Doppelwahlim Mainzer Erzbistum durch den päpstlichen Legaten und damitden Aufruf zur Kreuzfahrt verknüpft:Nun wachet! uns gehtzu der Tag, vor dem wohl Angst haben muß ein jeder Christ,Jude, Heide."Wohl auf denn zum heiligen Land! Hier hatman zu viel gelegen."