Der mythische und der geschichtliche Walther 369
römischen Staatsrecht wurzelt, gemein die Übereinstimmungmit den politischen Meinungen und Begriffen der Reichskanzleiund der obersten Reichshofbeamten, der leitenden Reichs-ministerialen.
Der Hofkanzler Konrad hatte Peters von Eboli Dichtungangeregt, belohnt, dem Kaiser empfohlen, weil sie in schwierigerLage für die staufische Politik focht. Sollte derselbe Konradjetzt bei seiner Heimkehr nach Deutschland, als es galt, vorallem das moralische Recht des Königtums Philipps und seinenAnspruch auf das Kaisertum durchzukämpfen, nicht auch dasso viel größere, reinere, natürlichere und in die Weite wirkendeTalent Walthers an sich gezogen haben ? Sollte nicht er es wiederbegünstigt haben, wenn dem Dichter, vielleicht von anderenstaufisch gesinnten Politikern, die der Reichsregierung nahestanden, am Hofe des Königs ein feste Stellung bereitet wurde ?
Wir können leider auf diese von mir zuerst aufgeworfenenFragen vorläufig nur folgendes antworten: es ist recht wahr-scheinlich, daß Walther seinen Spruch von den armen Königenund dem Waisen im Einverständnis mit den rücksichtsloswagenden Anschauungen der staufischen Reichshofbeamten,besonders aber der Hofkanzlei, gedichtet hat, und daß derProtonotar Konrad von Scharfenberg und der eben eingetroffeneHofkanzler Konrad von Querfurt den Anstoß dazu gegebenhaben.
Der Spruch also — so viel ist gewiß —, den man bisherallgemein als einen denkwürdigen Protest gegen die territorialeZersplitterung Deutschlands, gegen die Übergriffe seiner eigenenFürsten auffaßte, ist vielmehr das erste monumentale literarischeZeugnis für den nationalen deutschen Gedanken und richtetseine Spitze gegen das Ausland, gegen die fremden Zungen.Freilich ist dieser Appell an das patriotische Gewissen ein Appellim mittelalterlichen Geist: im Geist des Universalismus, der denStaat nur als Weltreich und die nationale Größe nur als Beherr-schung des Erdkreises sich vorzustellen weiß. Den modernennationalen Patriotismus, den die konstruierende Geschichts-forschung des 19. Jahrhunderts so oft an den staufischen Kaiserntadelnd vermißt hat, kannte das ganze Zeitalter noch nicht.
Im Sinn und im Auftrag der Reichskanzlei dichtete Waltherdann bei der Krönung Philipps zu Mainz am 8. September 1198seinen zweiten Spruch von der Kaiserkrone: jetzt trägt sie „der
Bar da oh, Vorspiel. 24