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Der mythische und der geschichtliche Walther 365
kanonistische und legistische, theologische Erudition hatte ersich angeeignet, gleich so manchem seiner Zeitgenossen. Er hatteeinen künstlerischen Zug, einen gewissen ästhetischen Sinn.Und hierin unterschied er sich von den meisten der mit ihmlebenden gelehrten Kirchenfürsten und Geistlichen Deutschlands.
Er besaß ein offenes Auge für die 1 a n d s c h a f 11 i c h en ReizeItaliens. Und er sah es an mit einer gewissen Ehrfurcht vor seinergeschichtlichen Vergangenheit, vor seinen Gräbern uralterKultur. Vergil, Lucan, Ovid fortwährend im Gedächtnis undmit sicherem Treffen aus ihnen beziehungsvolle Worte zitierend,steht er zweifelnd und gedankenvoll vor dem wasserarmenRubico, betrachtet er aufmerksam die Trümmer des heidnischenFortunatempels in Fano, besucht er in Andacht Sulmona, dieGeburtsstadt Ovids, die Stätte von Cannä, vor allem aberNeapel, die Stadt des großen Dichters und Zauberers Virgil,zu dessen Grabmal auf dem Posilip er wandert, mit ihrer anantiken Ruinen reichen Umgebung, den Ruinen der Thermenvon Rajä und Puteoli, deren Bildwerke und Wandgemälde erbeschaut.
Des staufischen Hofkanzlers Reisebrief öffnet uns einenEinblick in eine sonst fast immer verschlossene Region mittel-alterlicher Seelen. Er steht unter dem Bann dieser vor Jahr-hunderten blühenden Welt, deren Trümmer seine Füße stoßen.Sie ist ihm fremd und halb unheimlich. Er bemüht sich, auchihr gegenüber die Selbständigkeit und Überlegenheit des Christen,des deutschen Kriegsmannes und Eroberers, des staufischenImperialisten zu behaupten, dem Italien nur ein Schemel derMacht und seine Bewohner nur tückische Sklaven zu seinschienen. Daher wiederholt der Ton halber und ganzer Ironie.Aber diesen Spott übertönt deutlich das lebendige Interesse,die Bewunderung, die Freude an dem Glanz und an der Schön-heit und an der Größe dieser versunkenen Kultur. Sie erscheintihm wie ein Märchen, das er nun plötzlich staunend erlebt. Wieein Traum, der sich unerwartet erfüllt. Die irdischen Ortschaftendes Landes und die Stätten der Götter- und Heldensage ver-schwimmen vor seinen geblendeten Augen in Eins. Die Gestaltender antiken Mythen wachsen ihm hier auf zu geschichtlichenPersönlichkeiten. Unter der südlichen Sonne, angesichts dersüdlichen Farbenfülle, rinnen ihm Phantasie und Wirklichkeitzusammen.
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