Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
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361
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Der mythische und der geschichtliche Walther 361

Kaiserkrone Barbarossas und Heinrichs VI. haben nicht dieGestalt eines Zirkels, eines Kreises, sondern die eines Okto-gons, dessen architektonische Gliederung sich auf der Grund-form eines Quadrats aufbaut. Auch hierin drückt die mittel-alterliche Symbolik einen tiefen Sinn, einen großen politischenGedanken aus: nach der Apokalypse war das himmlischeJerusalem quadratisch angelegt. Demgemäß mußte auch dasirdische Weltreich des christlichen Imperators in der Form desQuadrats oder einer Zusammensetzung von Quadraten sichausdehnen. Denn das Weltregiment des Kaisertums ist nur dasVorspiel der dereinstigen Weltentsühnung und Weltversöhnungim himmlischen Kaiserreich Gottes, im neuen Jerusalem: dieKrone des irdischen Weltkaisers deutet voraus auf die Kroneund das Reich des überirdischen Weltkaisers Christus. DieseSymbolik uns Modernen höchst fernliegend war in denmittelalterlichen Geistern ganz lebendig. Jeden Zweifel zuzerstreuen, trägt die deutsche Kaiserkrone im Kronschatz zuWien, die in ihrer fertigen Form dem 12. Jahrhundert angehört,wirklich die bildliche Darstellung der sogenannten Maiestasdomini: Christus thronend mit dem Buch des Lebens in derHerrlichkeit, wie er nach dem alten Typus der bildenden Kunstwiederkehrt als Weltentsühner zum jüngsten Gericht und zurAufrichtung des neuen Jerusalem.

Diese erhabene Kaiserkrone soll so ruft Walther nach-drucksvoll das deutsche Volk selbst dem Staufer Philippaufsetzen, ihn dadurch zum echten römischen Kaiser machen.Hiermit riet er aber zugleich, den eigentlich berechtigten Erben,Friedrich IL, das von den Fürsten feierlich und in durchausbindender Form zum König gewählte Kind, zu übergehen.

Als der Dichter diese gewaltsame Durchhauung des Knotens,diese Verletzung persönlicher legitimer Ansprüche zur Er-haltung des Prinzips der Legitimität des staufischen Ge-schlechts verlangte, war in Deutschland der Bürgerkrieg invollem Gange, stürmten im Norden und Westen die auslän-dischen Könige auf das Reich ein.

Philipp war freilich in Thüringen schon im März von einemTeil der in Deutschland anwesenden Fürsten zum König ge-wählt worden, jedoch mit einer eigentümlichen Beschränkungseiner Macht. Zwar die Annahme, man habe bei dieser Gelegen-heit für ihn die Würde eines Reichsdefensors geschaffen,

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