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Literatur und Kunst des Mittelalters
staatsrechtliche Macht benutzt wird, gestaltet man die deutscheKaiserkrone möglichst hoch, möglichst verschieden von denKronen der gewöhnlichen Könige. Auf den Siegeln Barbarossas,Heinrichs VI. und Philipps erscheint die kaiserliche Krone miteinem sehr hoch gewölbten Bogen, über dem ein hohes Kreuz*)steht, fast turmartig; und der um den Kopf in der horizontalenEbene sich herumlegende Teil, das eigentliche Diadem, hat dieForm eines Oktogons, das sich aus acht reich verzierten, hohen,oben abgerundeten Platten zusammensetzt. Aber auch dieKönige von England und Frankreich suchen die Kraft ihresReiches zur Anschauung zu bringen durch Vergrößerung derOrnamente ihrer Kronen: die Blätter und Speerspitzen (Lilien)wachsen in die Höhe, die Schwere der Krone wird bis zum Unge-heuerlichen gesteigert. Die Krone, mit der Richard Löwenherz sichkrönen ließ, war so gewichtig, daß sie zweiMänner tragen mußten.
Der echten deutschen Kaiserkrone des staufischen Reichs-schatzes, der Sage nach von Karl dem Großen stammend, mitdem magischen Edelstein, dem Waisen, den Herzog Ernst Ottodem Großen aus dem Orient heimgebracht haben und der ausdem Schatz Octavians stammen sollte, schrieb man die Kraft zu,das Imperium des Erdkreises bis nach Byzanz und Jerusalem,die Erbschaft Cäsars und der römischen Kaiser, zu verschaffenund zu sichern. Der zauberhafte Waise ist ein Teil des für dieKaiserkrone charakteristischen hohen Kronbügels: an dessenhinterem Ende ist er befestigt, steht also dem Gekrönten, wieWalther in seinem Spruch auf Philipps Krönung in Mainz sichäußert, „über seinem Nacken".
Indem Walther diesen Waisen nennt, indem er ihn denZirkeln, d. h. den kreisrunden Kronreifen, gegenüberstellt,weckt er vor dem Auge seiner Hörer sogleich das Bild der-jenigen Besonderheiten, durch welche die Form der Kaiserkronesich heraldisch und sozusagen staatsrechtlich von den Zirkeln, denKönigskronen der armen, d. h. der Vasallenkönige, unterscheidet.
Diese Kaiserkrone entsprach in ihrer Form dem überwelt-lichen Abbild, das die von Barbarossa Karl dem Großen ge-weihte Lichterkrone in der Aachener Pfalzkapelle darstellte:beide, der Kronleuchter in Aachen, der die Mauer und die Türmedes himmlischen Jerusalem veranschaulicht, und die wirkliche
*) Das Kreuz wirkt wie ein Teil der Krone, gehört aber zurSiegelumschrift.