358
Literatur und Kunst des Mittelalters
Dichter von dieser Krönung Philipps die Wirkung erhofft, daß„die armen Könige" aufhören zu „dringen" und zurücktreten,daß „die zu hehren Zirkel" sich beugen werden, so bewegt er sichin dem Vorstellungskreis und der staatsrechtlichen Terminologieder staufischen Reichskanzlei.
Diese „armen Könige" sind nicht, wie man bisher glaubte,die erfolglosen Thronprätendenten Herzog Bernhard von Sachsenund Berthold von Zähringen, die bereits im März 1198 freiwilligzurückgetreten waren, sondern der weifische Gegenkönig Otto,Herzog von Aquitanien und Graf von Poitou, und sein OheimKönig Richard Löwenherz von England, der seines Neffen Wahlherbeigeführt und unterstützt hatte, daneben der über dieNordgrenze des Reichs eindringende König Knud von Dänemark,vielleicht auch der König Philipp August von Frankreich, dermit List und Verrat Unheil spann wider Deutschland.
Wir wissen, daß im Jahre 1162 Friedrich Barbarossa diezu einem Kongreß an die Saone entbotenen Könige des Abend-landes als „Könige der Provinzen" in öffentlicher Rede be-zeichnete, daß sein Kanzler Rainald von Dassel, der Gönner derVaganten, später fortfuhr, den König von Frankreich ein „König-lein" (regulus) zu nennen. Aber auch der königliche NotarBurchard, den wahrscheinlich Rainald von Dassel selbst in dieReichskanzlei eingeführt hat, nennt in einem offiziösen Ge-sandtschaftsbericht vom Jahre 1161 die Könige von Frankreich,Kastilien, Aragonien, Dänemark, Ungarn, ja auch den Kaiservon Byzanz „Königlein" (reguli).
Diesen Ausdruck der Reichskanzlei bildete Walther nach.Und er begriff unter den „armen Königen" den zum Königgewählten Otto als illegitimen Usurpator mit; genau so, wie dasWort regulus gleichfalls der staufischen Reichskanzlei nahestehende italienische Dichter etwa zur selben Zeit von dem alssizilischer Thronprätendent auftretenden normannischen Königs-sohn Wilhelm III. und andere Quellen überhaupt für deutscheGegenkönige brauchten.
Auch das „die Zirkel sind zu hehr" in Walthers Spruchstammt aus dem amtlichen Sprachgebrauch der Reichskanzlei.
Der Ausdruck ist bisher allgemein, auch leider noch vonmir in meinem neuen Buch über Walther, irrig erklärt worden.Es sind nicht Herzogskronen oder gar Fürstenkronen gemeint.Im 12. Jahrhundert trug in Deutschland noch kein Herzog,