Der mythische und der geschichtliche Walt her 357
Am 30. Juni 1198 urkundete Wolfger, in dessen Armen derjunge Friedrich von Österreich fern von der Heimat am 16. Aprilgestorben war, bereits wieder in Passau. Ich vermute, daß erzusammen mit dem Grafen von Görz und Gardolf von Halber-stadt, heimkehrend mit den sterblichen Resten des Herzogs,die in dem Kloster Heiligenkreuz bestattet wurden, durchIstrien zunächst nach Österreich gereist war. Nach Empfang derTodesnachricht und Vollziehung der Beisetzungsfeierlichkeitenbegab sich dann Herzog Leopold an den Hof König Philippsnach Worms, um dem Staufer zu huldigen und von ihm die An-erkennung für die Sukzession im erledigten Herzogtum Österreichzu erlangen.
Noch früher als Wolfger, den die Erkrankung des jungenBabenbergers aufgehalten hatte, war der kaiserliche HofkanzlerKonrad von Querfurt, Bischof von Hildesheim, aus demOrient zurückgeeilt. Er muß schon in der zweiten Hälfte desMai am Hofe Philipps eingetroffen sein: denn schon am 21. Mai1198 stellte er in Nordhausen eine Urkunde aus*). Er hattesofort das Amt des Kanzlers und die Leitung der Regierungs-geschäfte an seiner Seite übernommen. Damals gewann PhilippsPolitik zielbewußte Entschlossenheit: es war die höchste Zeit,denn eben begann von den Niederlanden her der weifischeGegner seinen erfolgreichen Lauf.
Ob Wolfger schon im Juni 1198 persönlich den Hof Philippsbesucht hat, wissen wir nicht; Beziehungen hat er damals gewißschon mit ihm angeknüpft. Und das konnte Walther zu gutekommen.
Am Hofe des Königs Philipp von Schwaben, desSohnes Barbarossas, macht Walther die ersten Schritte seinerpolitischen Gelegenheitsdichtung. Der älteste datierbare Spruch,der berühmte Aufruf an die „deutsche Zunge", sich aus Un-ordnung, Verwirrung, inneren und äußeren Bedrängnissenherauszureißen und dem Staufer Philipp die Krone mit dem„Waisen" aufzusetzen, ist nicht, wie bisher angenommen wurde,eine Mahnung aus der Ferne, etwa noch aus Österreich, sondern,wie mir festzustellen gelungen ist, aus dem Zentrum der reichs-politischen Bewegung der staufischen Partei. Und wenn der
*) Es sind demnach meine Angaben über die Termine der Heimkehr"Wolfgers und Konrads in meinem Buche 'Walther von der "Vogel-weide', Bd. I, S. 221f., 289 (zu S. 56), 242 Anm. 1, zu berichtigen.
I