Der mythische und der geschichtliche Walt her 355
nischen Prozesses mit schmeichelhaften Worten dediziert. Undder Bologneser Jurist und Lehrer der Rhetorik Boncompagnoaus Florenz feierte ihn in seinen Lehrbüchern und Muster-sammlungen als seinen Gönner. Ja es scheint, als spiegele sichin den Massen von Briefen über die Verhältnisse fahrenderSänger und Künstler, die er in seine Sammlung aufnimmt, dieLiebhaberei des Patriarchen wider. Wolfger, der diesen selt-samen Lehrer lateinischer Beredsamkeit protegierte, galt selbstals Meister des lateinischen Stils und als geschickter geistlicherRedner. Wenn wir sehen, wie temperamentvoll er in einem amt-lichen Schriftstück der mächtigen Commune Siena Mores bei-bringt, dann spüren wir in ihm den geborenen Diplomaten großenStils, der, wo es Not tut, das Diktat der Kanzlei durch denAtem seiner starken Individualität zu beleben weiß. Er, derunter Philipp wie unter Otto deutscher Reichslegat in Italienwar, hat den nationalen Akzenten, die Innozenz mit dämonischerBerechnung in die italienische Aufstandsbewegung hineinge-worfen, entschlossen und nachdrücklich den Furor teutonicus,das deutsche Kraftgefühl und den deutschen Stolz entgegen-gesetzt.
Als Walther am Martinsfest des Jahres 1203 die Summe fürseinen Pelzrock empfing, fiel an ihn da nur ein dienstrechtlichesDeputat ? Stand er da in einem unbelehnten, kündbaren Ministe-rialitätsverhältnis zu dem Bischof von Passau? War jenerhistorische Pelzmantel nicht das Zeichen eines soeben zumerstenmal geknüpften Dienstverhältnisses, sondern eines er-neuten ?
Es ist eine Vermutung, die sehr viel für sich hat.
Der Name seines bischöflichen Herrn und Gönners tauchtin den uns erhaltenen Gedichten nirgends auf. Aber gleichwohlerscheint seine Person und sein Hof darin, nur mit ein paarWorten erwähnt, aber so, wie wir es erwarten: herzlich, warm,als zuverlässiger Hort und Schutz. In einem um 1210 ent-standenen Spruch gesteht Walther, er fühle sich geborgen, so-lange er noch drei Höfe kenne, wo ihm ein guter Trunk Weinund eine summende Pfanne immer bereit seien. Als zweiten unddritten nennt er den Wiener Hof des Herzogs Leopold und denvon dessen Oheim Herzog Heinrich vonMödling, als ersten, mithinals den vertrautesten und liebsten, den Hof des edlen Patri-archen. Das ist der Patriarch von Aquileia und — der Zu-
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