Der mythische und der geschichtliche Walther 353
Jene fünf Solidi für Walthers Pelzmantel sind am 12. No-vember gebucht, d. h. einen Tag nach dem Fest des heiligenMartin. Offenbar ist also die Schenkung selbst vom BischofWolfger bereits am Martinstage ausgesprochen, der Geldbetragdann erst am folgenden Tage angewiesen und ausgezahlt worden.
Das Fest des heiligen Martin war im Mittelalter eines derhöchsten. Es war außerdem der Termin für die Ablieferung derZinsen und Abgaben an die Herrenhöfe. Am Martinstag pro-bierte man auch den neuen Wein und hielt den Martinstrunkund Martinsschmaus, den alte, uns erhaltene lustige Schlemmer-liedlein lateinisch und deutsch verherrlichen. Bischof Wolfgerführte auch auf Beisen vorsichtigerweise ein reich gegliedertesKüchen- und Schenkenpersonal mit sich. Wer mit ihm zog,brauchte nicht zu hungern und zu dursten. In Zeiselmauer,wo Walther den für ihn so einträglichen Martinstag des Jahres1203 erlebte, hatte Wolfger eine bischöfliche Burg. Er warsoeben von einem mehrtägigen Aufenthalt am Wiener Hofedorthin gekommen, von dem Fest der Vermählung der grie-chischen Prinzessin Theodora Komnena mit dem HerzogLeopold von Österreich, der er die bischöfliche Weihe gegebenhatte. Es war ein Akt von hoher politischer Bedeutung für dasHaus der Babenberger, dem Wolfger in politischer und persön-licher Freundschaft so nahe stand. In fröhlicher Hochzeits-stimmung beging man in Zeiselmauer am eigenen Herde dasMartinsfest. Ort und Zeit waren aufs beste geeignet, den lebens-frohen Sänger, der ohne Zweifel gleichfalls die Hochzeit in Wienmitgemacht hatte, für alte und neue Lieder, für gesungene underwartete zu belohnen. War ja doch das Leben des französischenBischofs Martin längst als Typus bischöflicher Humanität undLeutseligkeit, Toleranz und Liberalität, die das Volk und dieHäretiker in Schutz nimmt, romanhaft ausgebildet in zahl-reichen viel gelesenen Legenden und verbreiteten Liedern. Hattedoch ein Menschenalter zuvor Walthers einziger kongenialerVorläufer in der großen politischen Dichtung, der unter demNamen Archipoeta lateinisch dichtende Vagant, den gewaltigenKanzler Barbarossas, Erzbischof Bainald von Dassel, mit drei-fachem Lob gefeiert: tapferer als Alexander, freundlicher undbeliebter als David, freigebiger als der heilige Martin, der nachder Legende bekanntlich seinen Mantel zur Winterszeit mit einemBettler geteilt hat, und dann seine Schmeichelei mit der greif-
Buraaoh, Vorspiel.
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