Der mythische und der geschichtliche W alt her 349
schaffte es dem Dichter? Und die andere Frage: wie lautet dasliterarische Urteil der Zeitgenossen über seine Kunst? Wel-ches persönliche Verhältnis hatte er zu anderen großen Meisternder Poesie vor ihm und neben ihm?
Keine Chronik, keine formelle Urkunde des Mittelaltersnennt Walthers Namen. Den tödlichen Sturz des MinnesängersFriedrich von Hausen auf dem Kreuzzug von 1190 meldenmehrere gleichzeitige Annalen, aber auch seiner gedenken sienur als eines tapferen Ritters, als eines Freundes des Kaisers;seine Eigenschaft als Dichter scheint ihnen der Erwähnungnicht wert. Das Schweigen über Walther darf man also nichtals ein Zeichen der geringen Macht seiner Dichtung ansehen:die ungeheure Wirkung seiner Spruchpoesie verbürgt die ausBewunderung und Zorn gemischte Polemik, die der päpstlichgesinnte Italiener Tommasino dei Cerchiari gegen Walthers An-griff auf Innocenz III. führte. Eher könnte man eine Gering-schätzung der Poesie in deutscher Sprache aus jenem Schweigender lateinisch schreibenden geistlichen Historiographen folgern.Aber Friedrich von Hausen, der dem großen Erzbischof Christianvon Mainz, Barbarossas glänzendem Feldherrn und Staatsmann,nahe stand, hat bei diesem, der ganz wie ein Weltmann in ver-feinertem Lebensgenuß lebte, oder bei dem Kaiser selbst, dessenSohn Heinrich vielleicht Minnelieder in deutscher Sprachedichtete *), für seine deutschen Verse gewiß Anerkennung gefunden.Der Grund, warum die mittelalterliche Geschichtschreibung vonden deutschen Poeten nicht spricht, muß anderswo liegen. Siearbeitet, wie fast alle mittelalterliche Wissenschaft und Kunst,nach einem festen, traditionellen Schema. Darin hatten wohlBeschlüsse und Taten, Kriege und Schlachten der Könige undFürsten, Volkskrankheiten, Hungersnöte und Überschwemmung,Mirakel und Visionen, Erdbeben und Himmelserscheinungenihren altererbten Platz. Da fand gelegentlich wohl auch einfrommes bildliches oder poetisches Kunstwerk einen schmalenUnterschlupf. Aber für weltlichen literarischen Ruhm hattendiese Berichterstatter noch kein Organ, vor allem aber nochkein phraseologisches Formular.
Walthers Leier hat drei deutschen Königen in ihren Kämpfenum die Existenz gedient. Er hat sich in Österreich, in Thüringen,
*) Doch s. meine Anmerkung zu Singer, Arab. u. europ. Poesieim Ma., Abhandl. d. Berlin. Akad. d. W. 1918, Nr. 13, S. 17.