Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
348
Einzelbild herunterladen
 

348

Literatur und Kunst des Mittelalters

Personen und Parteien seiner Zeit haftet seine Spruchdichtung.In dieser entfaltet sich seine eigentlichste, seine unvergleichlicheGröße: seine politische Poesie, an die selbst ein Alcaeus, einPindar nicht heranreicht.

II.

Walther kann nur begriffen werden, wenn man ihn ge-schichtlich, d. h. ihn selbst inmitten seiner Hörer, für die undmit denen er lebte und schuf, kennt und versteht.

Was Goethe tiefsinnig für die Würdigung aller Poesieforderte, das gilt für die Schöpfungen dieses Dichters noch inganz anderer, bedeutsamerer Weise: sie bleiben gleich gemaltenFensterscheiben dunkel und düster, wenn man sie vom Marktder Gegenwart aus betrachtet. Nur wer den Eingang in dengroßen Wunderbau, in die Kathedrale des mittelalterlichenGeisteslebens findet, wer von diesem Innern aus Walthers Poesieanschaut, dem wird sie farbig und helle, deutlich und lebendigin allen ihren Lichtern, in allen ihren Zügen menschlicherWahrheit und Natur, in ihrer ganzen zauberhaften Schöne. Aberder Weg ist weit und schwierig: die Kirche ist längst verschüttetund unzugänglich. Selbst wer in ihr Wirrnis eindringen kann,vermag nur mit Mühe hier und dort durch ein einzelnes Bild derbunten Gläser die Sonne hindurchglänzen zu sehen.

Die wissenschaftliche Forschung der letzten Jahrzehnte,aufgebaut auf Lachmanns musterhafter Ausgabe, hat es er-folgreich versucht, den Weg in das Zentrum des gleichzeitigenLebens zu bahnen, von dem aus des Dichters Schöpfungen alleinbegriffen werden können. Indessen noch bleibt unendlich vielzu leisten übrig. Noch sind manche seiner politischen Sprüchein ihren historischen Voraussetzungen ungenügend oder garnicht aufgeklärt. Viel schlimmer steht es mit den rein lehrhaftenSprüchen, mit den Scheit- und Lobgedichten: nur bei wenigenvermögen wir ihren eigentlichen poetischen Lebenskern, daszugrunde liegende persönliche und zeitgeschichtliche Element,herauszufühlen, seltener noch es bestimmt nachzuweisen.

Zwei Fragen liegen uns für unsern geliebten Freund be-sonders am Herzen, wenn wir die Mythenwolke, die ihn verhüllt,durchdringen wollen. Die eine: wie stand sein politisches Wortda in seiner Zeit? Was galt es den Hörern? Den Gönnern undder großen Masse? Welche gesellschaftliche Schätzung ver-